Eigentlich hatte ich gestern nicht gedacht, dass ich hier so schnell den nächsten Post veröffentlichen würde. Aber da das Wetter heute sehr regnerisch war, verschob ich meine Abreise von Göttingen auf morgen und nutze die Zeit, um diese Zeilen zu schreiben.
Im Rahmen des Hausabends am 16.07. mit Prof. Laube war die Frage aufgekommen, was das "Mehr" des christlichen Glaubens gegenüber der Welt sei, warum Menschen an Gott glauben, warum es sich "lohnt", sein Leben mit Gott zu gestalten. Offensichtlich geht es in der Welt doch auch ohne Gott ganz gut. Tags darauf im neutestamentlichen Seminar "Gott im Neuen Testament", das Prof. Feldmeier und Prof Spieckermann noch einmal gemeinsam gestalteten, ergab sich für mich eine Antwort auf diese Frage.
Was wir hoffen dürfen ...
Das war der Titel der letzten Stunde im neutestamentlichen Seminar. Vordergründig drehte es sich zunächst um die Frage der Auferstehung und deren Bestreitung durch die Sadduzäer. Der Evangelist Markus beschreibt in seinem Evangelium
Kap 12,18-27, wie Jesus die Infragestellung dieser christlichen (und jüdischen) Hoffnung durch die
Sadduzäer aufgreift und widerlegt. Diese hatten den Fall konstruiert, eine Frau habe sieben Brüder zu Männer gehabt (
Leviratsehe), die einer nach dem anderen kinderlos gestorben waren. Zum Schluss stirbt die Frau. "Bei der Auferstehung, wenn sie (denn) auferstehen", so die Frage der Sadduzäer, "zu welchem von ihnen gehört dann die Frau? Denn (alle) sieben hatten die Frau." Während sich die Bestreiter der Auferstehung darauf berufen, dass sich eine solche Vorstellung nicht aus der Tora belegen lässt, nimmt Jesus eben diese Schriften auf und führt als Beleg für seine Überzeugung und Hoffnung die zentrale Bibelstelle an, wo Gott sich Mose im brennenden Dornbusch zeigt und sich vorstellt als "Gott Abrahams und Gott Isaaks und Gott Jakobs". Diese Selbstvorstellung Gottes mit den Namen der längst verstorbenen Erzväter verbindet Jesus mit der Glaubensüberzeugung, dass Gott ein Gott der Lebenden ist - dem müssten eigentlich auch die Sadduzäer zustimmen - und "schlussfolgert", dass es die Auferstehung gibt.
Der Gott der Lebendigen ...
Ginge es allein um die Gegenüberstellung zweier Standpunkte, biblisch begründet oder auch nicht, so wäre die Frage nach der Auferstehung eine "lahme" Geschichte, die niemand "aus der Reserve lockte". Der Sinn der Antwort Jesu liegt viel tiefer. Während die Sadduzäer über das Für und Wider eines "frommen" Gedankens spekulieren und diskutieren, geht es Jesus um eine, um seine und unsere Beziehung zu Gott. Warum sonst greift er gerade auf die Bibelstelle 2. Mose 3,6 zurück? Warum nimmt er in seiner Erklärung nicht die Bibelstelle 2. Mose 3,14 auf - nur wenige Verse weiter - und verweist auf den Gottesnamen YHWH, der vom hebräischen Zeitwort für »sein« her gedeutet wird und den Luther dann so übersetzt: "Ich werde sein, der ich sein werde." Jesus hätte doch dann auch erklären können: Dieser Gott, der frei über das Sein verfügt, der schenkt auch in Freiheit die Auferstehung.
Jesus wählt einen anderen, für ihn allerdings nicht beliebig austauschbaren, sondern für seinen Glauben und für sein Leben konstitutiven Ansatz. Bei der Frage nach der Auferstehung, nach dem, was nach diesem Leben kommt, beruft sich Jesus auf den Anfang der Beziehung Gottes zu seinem Volk Israel. Und er verweist nicht auf den Eigennamen Gottes YHWH, sondern er nimmt die Selbstvorstellung Gottes auf, wo sich dieser Gott an Menschen, an die Erzväter Israels, an Abraham, Isaak und Jakob bindet. So "existiert" dieser Gott der Väter nicht um seiner selbst willen, als ein "höheres Wesen", als "etwas, das größer sein muss als die Menschen oder das, was wir hier sehen", der Gott der Väter "existiert" allein um seiner Menschen willen. Aus genau dieser Beziehung zu Gott lebt Jesus und in genau diese Beziehung nimmt Jesus die Menschen um sich herum mit hinein, die sich das gefallen lassen.
Unter diesem Blickwinkel ist es geboten, bei der in die Zukunft weisenden Frage "Was wir hoffen dürfen?" an den Anfang zurückzugehen und zu schauen, was es mit Gott und mit seinen Menschen, den Lebenden, auf sich hat. Aus der Vielzahl der Völker erwählt sich Gott sein Volk Israel, "nicht, weil es größer wäre als alle Völker - denn es ist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil Gott dieses Volk geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er den Vätern geschworen hat". (vgl. zum biblischen Hintergrund der Formulierungen 5. Mose 7,7f) Um seiner Liebe, um seiner Beziehung zu Israel willen führt Gott sein Volk aus der ägyptischen Knechtschaft in ein "Land, da Milch und Honig fließen", er führt sie ins "Leben".
Ich lege dir vor Leben und Tod ...
Wer sich auf diesen Gott einlässt, der wird mit der Frage konfrontiert, was das für sein Leben bedeutet. Prof. Spieckermann verwies in der letzten Seminarstunde auf 5. Mose 30. Nachdem Mose den Israeliten, die kurz vor dem Einzug ins "gelobte Land" stehen, noch einmal die Geschichte des Auszugs vor Augen gehalten hatte, auch das Fehlverhalten Israels auf dem Weg bis zum jetzigen Augenblick, spricht er die folgenden Worte:
15 Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse. 16 Wenn du gehorchst den Geboten des HERRN, deines Gottes, die ich dir heute gebiete, dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der HERR, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen. 17 Wendet sich aber dein Herz und du gehorchst nicht, sondern lässt dich verführen, dass du andere Götter anbetest und ihnen dienst, 18 so verkünde ich euch heute, dass ihr umkommen und nicht lange in dem Lande bleiben werdet, in das du über den Jordan ziehst, es einzunehmen. 19 Ich nehme Himmel und Erde heute über euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen, 20 indem ihr den HERRN, euren Gott, liebt und seiner Stimme gehorcht und ihm anhangt. Denn das bedeutet für dich, dass du lebst und alt wirst und wohnen bleibst in dem Lande, das der HERR deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, ihnen zu geben. (5. Mose 30,15-20)
Der Gott der Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott der Lebendigen, der Vater unseres Herrn und Heilands Jesus Christus, er hätte wegen des Verhaltens seiner Menschen allen Grund, von seinem ursprünglichen Plan Abstand zu nehmen, sein Volk ins "gelobte Land", in ein Land, da "Milch und Honig" fließen, zu führen. Aber Gott steht zu dem, was er geschworen hat. Er vergisst seine Verheißungen nicht. Allerdings, er stellt uns vor die Wahl, was seine Erwählung für uns bedeutet, was wir wählen: Leben oder Tod, Gutes oder Böses, Segen oder Fluch.
Gottes Versprechen lautet:
"Wenn du gehorchst den Geboten (5. Mose 5,6ff) des HERRN, deines Gottes ..."
Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.
Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.
Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht.
Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligest, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du. Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst.
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, auf dass du lange lebest und dir's wohlgehe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.
Du sollst nicht töten.
Du sollst nicht ehebrechen
Du sollst nicht stehlen.
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was sein ist.
"Wenn du gehorchst den Geboten des HERRN, deines Gottes, die ich dir heute gebiete, dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der HERR, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen." (5. Mose 30,16ff)
Kann es eine schönere, kann es eine tiefere Verheißung des Lebens geben?
Die Heilige Schrift beschreibt hier nicht eine Rechtsbestimmung im Sinn von "wenn ich tue, dann macht Gott"! Und die beiden Passagen, wo es um Gottes "Eifer" und um seine "Strafe" geht - ich habe sie ganz bewusst im Text gelassen - , diese Passagen sind keine Drohung mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger! Diese Zeilen beschreiben den "Tod, das Böse, den Fluch", den wir Menschen wählen, wenn wir nicht Gottes Gebot halten. Dabei geht es weder damals noch heute allein um eine vollständige, um eine kasuistische und penible Einhaltung der Gebote, es geht vielmehr um eine Lebenseinstellung, um die Freude an Gottes Gebot (Psalm 1,2), die jedem frommen Juden zu eigen ist und die wir Christen von unseren jüdischen Geschwistern nur lernen können.
Hoffen wir allein in diesem Leben auf Gott ...
Wer das "Leben, das Gute, den Segen" wählt, wer dem Gott der Väter und seinem Wort und seinem Gebot Raum schenkt in seinem Leben, wer mit der Liebe Gottes rechnet, wer mit Jesus zum "Vater im Himmel" betet, wer darauf vertraut, dass "Gottes Reich" schon hier auf Erden anbricht, wenn Jesus "durch Gottes Finger die bösen Geister" austreibt (Lk 11,20), der wird auch darauf hoffen, dass "Gott Kraft" (Mk 12,24) uns durch den Tod am Ende dieses Weges ins Leben führt. Dort aber spielen selbst die besten Vorstellungen, denen wir auf Erden Bedeutung beimessen - Ehe, Familie, Kinder - , keine Rolle mehr. Der Apostel Paulus hat das alles so ausgedrückt: "Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen." (1. Kor 15,19) Nun aber ist der, der uns zum Gott der Väter, zum Gott der Lebendigen führt, der ganz und gar aus Gottes Liebe lebt und der Gott deshalb seinen Vater im Himmel nennt, "nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind". (1. Kor 15,19f)
Dies ist die Antwort, die ich weitergeben möchte, wenn ich auf die eingangs gestellte Frage Auskunft geben soll, warum Menschen an Gott glauben, warum es sich "lohnt", sein Leben mit Gott zu gestalten.
Exkurs
Prof. Feldmeier vermutet, dass mit der Frage der Sadduzäer auch eine Märtyrergeschichte aus dem
2. Makkabäerbuch verunglimpft werden soll (vgl. Feldmeier, Spieckermann, S. 518; man lese sich die Geschichte an der verlinkten Bibelstelle ruhig einmal durch). Es wird berichtet, dass unter dem Seleukiden
Antiochos IV. (um 215 bis 164 v. Chr.) sieben Brüder aus Israel vor den Augen ihrer Mutter bestialisch gefoltert und ermordet wurden, weil sie am Glauben Israels festhielten. Die Mutter stärkt ihre Söhne, indem sie auf Gottes Schöpfermacht verweist: "Ich weiß nicht, wie ihr in meinem Leib entstanden seid, noch habe ich euch Atem und Leben geschenkt ... Nein, der Schöpfer der Welt hat den werdenden Menschen geformt ..." Und davon ist sie überzeugt, dass der, der das Leben schenkt, auch "gnädig Atem und Leben" wiedergibt, wenn die Söhne jetzt um des Glaubens willen sterben. Und dem Jüngsten sagt sie zu: "Hab keine Angst vor diesem Henker, sei deiner Brüder würdig und nimm den Tod an! Dann werde ich dich zur Zeit der Gnade mit deinen Brüdern wiederbekommen." Am Ende wird die Mutter selbst ermordet.
Auch wenn ich anfangs meine Zweifel hatte, ob tatsächlich diese Geschichte im Hintergrund stand, so denke ich mittlerweile, dass Feldmeiers Annahme zutrifft. Denn auch in der Märtyrergeschichte geht es neben dem Mut des Bekenntnisses um die Hoffnung, dass das, was diese Menschen hier erleiden, nicht das letzte ist, dass nicht der Tod und seine Henker das letzte Wort behalten, dass vielmehr der Gott der Väter sie auferweckt zu einem neuen Leben. Und aus dieser Hoffnung schöpfen andere wieder Mut und Zuversicht für ihr eigenes Leben.
Wenn Menschen wie die Sadduzäer grundsätzlich den Gedanken an eine Auferstehung der Toten ablehnen, dann müssen sie sich logischerweise auch gegen Geschichten wie die aus dem Makkabäerbuch aussprechen. Dann erhebt sich aber für mich auch die Frage, ob es sich wirklich lohnt, dass einer um einer "gerechten" Sache willen sein Leben wagt, ob es nicht sinnvoller ist, allein an sich selbst, an seine eigene Sicherheit zu denken. Sind wir dann aber nicht an einem Punkt angelangt, wo nur noch Egoismus und Opportunismus und nackte Tyrannei herrschen? Haben wir das in der Geschichte nicht immer wieder erlebt?