Montag, 7. Juli 2014

Vergebung und Versöhnung

Auch wenn in der letzten Zeit in meinem Blog über die Motorradfahrten die Beschreibung mehrer Touren erschien, ging das Studium doch fleißig weiter, so dass jetzt einiges in dieser Rubrik "Gedankensplitter" zu schreiben ist.

In diesem Post geht es mir um den Gedanken, dass für unser "Zurechtkommen" niemand etwas leisten oder ein Opfer bringen muss - nicht der Mensch, der es überhaupt nicht kann, aber auch  nicht Gott in Jesus Christus! Gott geht - das ist mein Glaubens- und Wissensstand - ganz andere Wege!

Jesus Christus gestorben für unsere Sünden ...

Das ist einer der Spitzensätze christlichen Glaubens und Denkens. Dazu kommen dann Formulierungen wie:
  • Er hat für uns genug getan!
  • Er ist ein Opfer für unsere Sünden!
  • Er hat Gott versöhnt!
Die Reihe lässt sich bestimmt fortsetzen. Seit ich am Karfreitag vor 5 Jahren über den Episteltext aus dem 2. Korintherbrief von Paulus gepredigt habe, sind mir diese und andere Sätze, die aber in die gleiche Richtung gehen, suspekt geworden. Der Apostel schreibt da:
Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. (2. Kor 5,19-21)

Lasst euch versöhnen mit Gott!

Das war damals der Satz, der sich bei mir festgesetzt hat. Nicht Gott muss versöhnt werden, sondern der Mensch! Nicht Gott hat ein Problem mit uns, umgekehrt: Wir haben ein Problem mit Gott! Wir wollen uns nicht einfügen in das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf. Wir wollen unser Leben selbst in die Hand nehmen und bestimmen.

Buße, Gesetz, Genugtuung, Opfer, Satisfaktion, Sühne, Vergebung, Versühnung oder Versöhnung etc. 

All die genannten Begriffe spielen in unserem Zusammenhang eine Rolle. Das Problem ist aber, dass sie auch im juristischen Horizont einen Bedeutungsrahmen haben, der in den theologischen hineinschwappt (alle aufgeführten Zitate stammen aus Wikipedia; die Links verweisen darauf - alle abgerufen am 06.07.2014).
  • Buße (Verwaltungsrecht)
"Eine Buße (schweiz. Busse) ist eine Sanktion wegen Verfehlungen. - Im juristischen Sprachgebrauch ist die Buße oder das Bußgeld (auch Geldbuße) eine verwaltungsrechtliche Sanktion bei Ordnungswidrigkeiten. Eine Buße ist in der Regel bei weniger schweren Verstößen vorgesehen. Bei gravierenderen Verstößen greift in der Regel das Strafrecht, das meist durch den Strafrichter durchgesetzt wird."
"... Dem Prinzip des „do ut des“ folgend sollen numinose Mächte durch die rituelle Darbringung eines Gutes oder einer Leistung positiv beeinflusst werden. In dieser Weise entzog man den Opfergegenstand dem profanen Gebrauch und vernichtete ihn gewöhnlich, etwa durch das Verbrennen der Opfergabe, durch das „Brand- oder Ganzopfer“, ein Holocaustum."
"Satisfaktion (lat. satis ‚genug‘ und facere ‚tun, machen, betreiben‘, „Zufriedenstellung“, „Genugtuung“) ist ... die Wiedergutmachung eines Ehrdelikts mit geeigneten Mitteln bzw. die Verpflichtung, eine solche Genugtuung bei erfolgter Beleidigung einzufordern."
"Als Sühne (von ahd. suona „Gericht, Urteil, Gerichtsverhandlung, Friedensschluss”) wird der Akt bezeichnet, durch den ein Mensch, der schuldig geworden ist, diese Schuld durch eine Ausgleichsleistung aufhebt oder mindert."

Die hier beschriebenen "Sachverhalte" sind uns aus dem kirchlichen Umfeld wohl bekannt, legen aber alle nahe, dass Gott gegenüber etwas getan werden muss, damit das Verhältnis zu ihm wieder in Ordnung kommt. Die Lösung war dann (sehr verkürzt):
Weil der Mensch das nicht leisten kann, muss Gott in Jesus Christus diese Versöhnungsleistung selbst übernehmen und uns anrechnen. 
Diese Gedanken kulminieren in der sog. "Satisfaktionslehre", die sich in ersten Ansätzen beim Kirchenvater Tertullian findet, die dann aber maßgeblich von Anselm von Canterbury (1033–1109 n. Chr.) in seinem Werk Cur deus homo ausgebaut wurde. "Nach dieser Vorstellung ist der Tod Jesu als Sühnopfer nötig, um eine angemessene Wiedergutmachung für die Verletzung der Ehre Gottes zu leisten, die durch den Sündenfall der Menschen geschehen ist. Für Gott habe es nur die Alternative gegeben „entweder Strafe“ (aut poena), d. h. die Vernichtung der gesamten Menschheit „oder Wiedergutmachung“ (aut satisfactio) durch eine die Sünde aufwiegende Ersatzleistung. Damit die Ersatzleistung aber schwergewichtiger als die Menschheitssünde sein konnte, war es nötig, dass Gott selbst Mensch wurde, um nun - als selbst Sündloser - in der menschlichen Gestalt Jesu Christi sein Leben als satisfactio für die Sünden der Menschen dahin zu geben." (Wikipedia - Satisfaktionslehre (Link s.o.) - abgerufen am 06.07.2014)

Die zweite Seite von Buße, Gesetz, Genugtuung, Opfer, Satisfaktion, Sühne, Vergebung, Versühnung oder Versöhnung etc. 

Wie oben schon geschrieben: Seit dem Karfreitag 2010 ging ich davon aus, dass es noch ein anderes Verständnis geben muss. Lasst euch versöhnen mit Gott! Nicht Gott hat die Versöhnung nötig, sondern der Mensch! Solche und ähnliche Gedanken finden sich derzeit zu Hauf in der alttestamentlichen Vorlesung von Prof. Spieckermann und dem neutestamentlichen Seminar von Prof. Feldmeier. Was mich aber besonders fasziniert: Man entdeckt ähnliches, wenn man bei Wikipedia nachliest. 
"In der religiösen Bedeutung ist Buße die Umkehr des Menschen zu Gott, von dem er sich durch die Sünde entfernt hat. Dieser Begriff ist so unterschiedlich vom Alltagsgebrauch des Worts Buße, dass er fast im Gegensatz dazu steht."
"... Auch im alttestamentlichen Kult gibt es Sühnopfer. Die Gottesgemeinde Israels war sich aber dessen bewusst, dass menschliche Sühneleistungen die Versöhnung mit JHWH, ihrem Gott, nicht bewirken können, sondern ein Zeichen der Anerkennung der Schuld und der Bitte um Vergebung sind: Gott allein kann in seiner freien Gnade Versöhnung gewähren ..."

Ergänzend dazu kann man noch aus einem weiteren Artikel zitieren: 
"Von allen Opferriten und -praktiken der das Volk Israel umgebenden antiken Völker und auch heutiger nicht-jüdischer Religionen, auch des Christentums, waren die kultischen Prozesse im Stiftszelt und im Jerusalemer Tempel immer deutlich unterschieden. Die jüdische Bibel geht an keiner Stelle davon aus, dass Gott - oder die Menschen - die blutigen Opfer nötig hätte ... Das israelische Opfer war eine Art demokratischer Akt der Verbindung mit Gott. ... Überwiegend waren der Opferritus Freude und Verbundenheit mit Gott. ..." (Wikipedia - Sühnopfertheologie (Link s.o.) - abgerufen am 06.07.2014)

Sühne im Alten Testament

Wenn ich unsere beiden Professoren richtig verstanden habe, dienen die Opfer im AT in erster Linie dazu, dass der der Sünde verfallene Mensch in einem von Gott geschenkten Ritual wieder "Kontakt" mit Gott aufnehmen kann, der ihm dann seinerseits ohne Vorbedingung "Sühne" schenkt. Deshalb spiegelt der Opferritus in erster Line "Freude und Verbundenheit mit Gott" wieder, wie es die Autoren bei Wikipedia (Sühnopfertheologie) festhalten.

So faszinierend und einladend dieser Gedanke ist, es schwingt für mich beim Begriff "Sühne" im AT doch noch etwas vom "Loskauf" und von einer wie auch immer gearteten Leistung mit. Lässt man bei bibelserver.de nach dem Begriff "Sühne" suchen (Lutherbibel), so wird dieser Begriff 35-mal im AT gefunden. Und in den beiden ersten Bibelstellen heißt es:
Wenn du die Israeliten zählst, so soll ein jeder dem HERRN ein Sühnegeld geben, um sein Leben auszulösen, damit ihnen nicht eine Plage widerfahre, wenn sie gezählt werden. ... Und du sollst solches Sühnegeld nehmen von den Israeliten und es zum Dienst an der Stiftshütte geben, dass es sei für die Israeliten, zum gnädigen Gedenken vor dem HERRN, zur Sühnung für euer Leben. (2Mo 30,12.16)
In beiden Fällen wird im Hebräischen der für den Begriff der "Sühne" wichtigste Wortstamm כפר verwendet (vgl. Feldmeier, Spieckermann, Gott der Lebendigen, Tübingen 2011, S. 310 und S. 312). Dieser kommt auch vor, wenn es 4. Mose 35,31 (vgl. auch V 32) heißt:
Und ihr sollt kein Sühnegeld nehmen für das Leben des Mörders; denn er ist des Todes schuldig und soll des Todes sterben.
In den anderen Fällen, wenn der Begriff "Sühne" in den 5 Büchern Mose vorkommt, steht er in der Verbindung mit "schaffen": "Sühne schaffen ..." Bedingungen werden hier nicht genannt.

Im Zusammenhang der beiden Samuelbücher taucht im Deutschen zweimal der Begriff Sühne im Sinn von "bezahlen" auf. Die Philister sollen die erbeutete Lade mit einer "Sühnegabe" (אשם) zurückgeben (1. Samuel 6). Und David gibt den Gibeoniten, die Saul vernichten wollte, sieben Männer aus dem Hause Sauls, um Sühne zu schaffen (כפר), damit die Gibeoniten das "Erbteil des HERRN", also Israel, segnen (2. Sam 21,3). Die Männer aus dem Hause Sauls werden dann wegen der Verbrechen Sauls gehenkt.

Sühne im Neuen Testament

Sucht man im NT (Lutherbibel) nach dem Begriff "Sühne", so stößt man allein auf zwei Stellen, die dann aber auch die entscheidenden sind.
Den (Jesus) hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. (Röm 3,25f)
Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes. (Hebr 2,17)

Der Hebräerbrief

Bleiben wir einen Moment beim Hebräerbrief. Wie in keiner anderen neutestamentlichen Schrift wird hier gesagt, dass Jesus als vermittelnder Hohepriester die sündigen Menschen durch seinen Tod vor dem Strafgericht Gottes bewahrt. Prof. Feldmeier hat dies mit einem Bild sehr eindrücklich beschrieben. Auf Seite 336 seines zusammen mit Prof. Spieckermann verfassten Buches "Gott der Lebendigen" verweist er auf das sog. "Rechtfertigungsbild" aus dem Heilsbronner Münster. Bei Wikimedia ist es zu finden.

By Foto: Andreas Praefcke (Eigenes Werk (eigene Fotografie)) or CC-BY-3.0, via Wikimedia Commons
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fb/Heilsbronn_M%C3%BCnster_Marienaltar_Rechtfertigungsbild.jpg
Mit voller Wucht tritt der Zorn Gottes zu Tage. Nur der Sohn Gottes kann mit dem Hinweis auf seine Wunden (seine rechte Hand öffnet quasi die Wunde in seiner Seite, die ihm durch die Lanze beigebracht worden war - kann man in der hohen Auflösung bei Wikimedia sehen) das richtende Schwert abfangen. Maria tritt noch hinzu und hält die Gläubigen scheinbar auf, bis der "Kampf" zwischen Vater und Sohn entschieden ist und das Schwert zu Boden gesenkt wird. Wenn man dieses Bild vor Augen hat, weiß man auch, was mit "Satisfaktion" gemeint ist.

In der Kirchengeschichte haben diese Vorstellungen eine lange Tradition und Wirkungsgeschichte gehabt. Die Kulttradition des Hebräerbriefes wurde dabei unterstützt durch die lateinische Wortwahl rund um den Begriff der "Buße". Der Ruf zur Buße war ein zentrales Moment in der Verkündigung Jesu. Dort wurde dann der griechische Begriff μετάνοια metanoia gebraucht. Der beinhaltet die Worte νοεῖν noein „denken“ und μετά meta „um“ oder „nach“. Somit hat Buße hier den Sinn von: „Umdenken, Sinnesänderung, Umkehr des Denkens“. (vgl. Wikipedia - Artikel Buße (Religion)) Ein Umschwung in der Bedeutung kommt, wenn man die lateinische Übersetzung betrachtet. Hier wird "metanoia mit paenitentia, „Reue, Buße“, übersetzt, häufig abgeschliffen zu poenitentia und unzutreffend abgeleitet von poena, „Strafe“!!!". (Wikipedia a.a.O.) 

Das "Verdienst" des Hebräerbriefes ist es, dass der Verfasser deutlich macht, dass es keine "billige Gnade" gibt, der letztendlich alles egal ist, weil sie ja doch jedem immer wieder verzeiht. Aber es bleibt die Frage, ob dies angesichts der liebevollen und vergebenden Zuwendung, die Menschen durch Jesus Christus erfahren haben - und der sagt von sich: "Ich und der Vater sind eins." (Joh 10,30) - , die dem Neuen Testament angemessene Redeweise von Gott ist.

Der Apostel Paulus

Betrachten wir deshalb noch einmal, was Paulus zum Stichwort "Sühne" im Römerbrief (3,25f) sagte:
Den (Jesus) hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
Auch der Apostel nimmt die kultische Vorstellung von der Sühne auf. Aber wie das Sühnopfer im Alten Testament dem gefallenen Menschen die Möglichkeit zur Begegnung mit dem rettenden Gott eröffnet - Gott "verschafft" dem Opfernden durch das Blut des Opfertieres "Sühne", d.h. Gott bietet dem Sünder rituell die Möglichkeit, vor ihn zu treten - , so schenkt Gott nach dem Zeugnis des Apostels Paulus dem Glaubenden angesichts des Kreuzes Jesu Christi Vergebung der Sünden. Nicht der Zorn Gottes muss besänftigt werden, sondern Gott schenkt denen neues Leben, die in der Auferweckung des Gekreuzigten den Gott entdecken, der das Leben des gerechtfertigten Sünders will.

Vergebung der Sünden

Wenn man von diesem Stichwort aus einen Blick in das Alte Testament wirft, so erkennt man, dass auch schon hier viel von Gottes Liebe und Güte zu hören ist. Das machte Prof. Spieckermann u.a. in seiner Vorlesung am 13. Mai d.J. deutlich, als er uns Gottes Selbstvorstellung aus dem 2. Buch Mose nahe brachte:
... ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und von großer Güte und Treue ... (Ex 34,6)
Deutlich wird bei dieser Vorstellung: Auch der Gott des Alten Testaments ist ein "Backofen voller Liebe", wie es Luther einmal gesagt hatte. Jedoch lässt Gott nicht alles fahren und laufen. Das machte Spieckermann eindrücklich kenntlich, als er "langmütig" mit "langsam zum Zorn" wiedergab. Im Bild der menschlichen Liebe hielt er uns vor Augen, dass auch hier Liebe langsam in Zorn umschlagen kann, wenn vom geliebten Gegenüber keine oder verletzende Reaktion kommt. Und genauso führt es Gott dann auch im Buch Exodus im Anschluss an seine Selbstvorstellung aus:
... der Güte bewahrt den Tausenden, der Schuld, Frevel und Sünde vergibt, aber gewiss nicht ungestraft lässt, der (vielmehr) heimsucht die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, am dritten und am vierten Glied. (Ex 34,7 - Übersetzung von Prof. Spieckermann vorgelegt)
Während Opfer und Sühne eindeutig am Tempel lokalisiert sind, hat die Vergebung "wahrscheinlich als eine nicht an Opfer und Tempel gebundene Vorstellung der Sündenvergebung zunächst im Diasporajudentum an Bedeutung gewonnen" (Feldmeier, Spieckermann, Gott der Lebendigen S. 316). "Sie hat ihren Schwerpunkt in der Welt der nachexilischen Prophetie und des Gebetes, zwei Bereiche, die prinzipiell nicht gegen Kult und Tempel gerichtet sind, durchaus aber ihre eigenen theologischen Schwerpunkte und Zielsetzungen haben."  (Feldmeier, Spieckermann, Gott der Lebendigen S. 311) Gottes Vergebung ist und bleibt "angesichts der Schuldanfälligkeit und Schuldverfallenheit des Menschen das ganz und gar Unselbstverständliche" und der Mensch hat ganz bestimmt auch keinen Anspruch darauf (Feldmeier, Spieckermann, Gott der Lebendigen S. 316), aber diese Vergebung ereignet sich und der Beter kann mit den Worten des 130. Pslams vertrauensvoll bekennen: 
Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst - Herr, wer wird bestehen? Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. Ich harre des HERRN, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen hoffe Israel auf den HERRN! Denn bei dem HERRN ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm. Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Lasst euch versöhnen mit Gott

Damit komme ich noch einmal auf den Anfang dieser Überlegungen zurück. Jahr um Jahr am Karfreitag angesichts des Kreuzes Jesu Christi bittet uns der Apostel Paulus: Lasst euch versöhnen mit Gott! Was das für uns bedeutet, kann man wiederum mit einem Bildtypus deutlich machen, auf den Prof. Feldmeier und Prof. Spieckermann in ihrem Buch hinweisen (Seite 338). Gemeint ist die Darstellung des sog. "Gnadenstuhls". Dank des Hinweises von Prof. Feldmeier konnte ich in Fritzlar das dort ausgestellte Kunstwerk fotografieren.


Angesichts dieses Bildes lesen wir noch einmal aufmerksam die Botschaft des Apostels:
Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. (2. Kor 5,19-21)
Da ist kein richtender Gott, der Wiedergutmachung für die begangenen Sünden fordert. Da ist kein königlicher Herrscher, der Satisfaktion für eine Beleidigung fordert. Da ist der liebende Vater, der leidend seinen Sohn am Kreuz in den Händen hält, der das Kreuz aufgerichtet hat als das Zeichen der Versöhnung. Es ist genug mit Schuld und Vergeltung. Denn wohin das führt, können wir am Gekreuzigten sehen: in den Tod. Deshalb hat Gott seinen Sohn für uns zur Sünde gemacht, d.h. er zeigt uns, wohin ein gottloses und egoistisches Leben führt!

Aber Gott will nicht den Tod des Sünders! Deshalb hat er seinen Sohn von den Toten auferweckt und ihm ewiges Leben geschenkt. Dieses Leben - nicht allein in jener, sondern auch in dieser Welt - will Gott jedem unverdientermaßen schenken, der im gekreuzigten Gottessohn sein eigenen Leben und Sterben entdeckt und der sein Leben dann nach Gottes Verheißung und Gebot ausrichtet, der begreift und glaubt und hoffend darauf vertraut, dass Leben, wirkliches Leben nur bei dem zu finden ist, der uns alle ins Leben und uns bei unserem Namen gerufen hat.

Dass solch eine "Erkenntnis" der eigenen verlorenen Existenz und die daraus zu ziehenden Konsequenz, die uns mehr oder weniger zwangsläufig zu einem gottgefälligen Leben führt, nichts Selbstverständliches sind, das zeigt auf der einen Seite der Blick in unsere gottlose Gegenwart, wo eben nicht Gottes Wort das Leben bestimmt, sondern weiterhin politische Macht und global agierendes Kapital. Auf der anderen Seite macht das auch der Blick in die Gesichter der Figurengruppe deutlich (auch in andere Darstellungen dieses Motivs entdecke ich dies; vgl. die Sammlung bei Wikipedia und von dort weiter zu Wikimedia). Man könnte meinen, aus Gottes geneigter Kopfhaltung die Frage herauszulesen: "Werden sie es merken, meine Menschen? Werden sie es begreifen?"



Und selbst der Heilige Geist scheint sich, wenn man vor der Skulptur steht, eng an den Vater zu schmiegen, um angesichts des Gottlosigkeit in der Welt Halt zu finden.


Damit bekommen die mahnenden Worte des Apostels Paulus noch einmal besondere Bedeutung:

So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; 
so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Und wenn die Menschen es nicht begreifen? Wenn sie Gottes Versöhnungsangebot nicht annehmen? Wenn sie weiterhin der Macht und dem Mammon hinterherlaufen? Wenn sie weiterhin Gottes gute Schöpfung ausbeuten bis aufs Letzte?

Dann sagt uns Gott durch den Apostel Paulus zu - und wir müssen es hinnehmen:

Es genügt dir meine Gnade,
denn meine Macht vollendet sich in der Schwachheit. 
(2. Kor. 12,9) 

Davon wird einer der nächsten Blogs handeln. 

Lizenz: CC-BY-3.0

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen