Dienstag, 1. Juli 2014

Leben als Wegkunde

Leben als Wegkunde, so war die alttestamentliche Vorlesung von Prof. Spieckermann heute überschrieben. Es ging um einzelne Sentenzen aus dem Buch der Sprüche Salomos. Einige davon will ich hier mit den Kommentaren, so wie ich sie notiert haben, wiedergeben. Die Übersetzung hat uns Prof. Spieckermann vorgelegt.

Wirtschaftsordnung?


Prov 20,14
Schlecht, schlecht, sagt der Käufer,
  geht er fort, da rühmt er sich.

Es geht ums Feilschen auf dem orientalischen Markt. Der Händler setzt den Preis möglichst hoch an, um Spielraum nach unten zu haben, der Käufer denkt genau anders herum. Irgendwo in der Mitte treffen sie sich, so dass jeder zufrieden sein kann, der Händler mit seinem Gewinn, den er gemacht hat, der Käufer mit dem Produkt, das er zu einem für ihn annehmbaren Preis erworben hat. 

Was hat dies mit dem göttlichen Umfeld zu tun, von dem die Bibel sonst berichtet? Es geht darum, in das Chaos eine Ordnung zu bringen - Schöpfung: die Erde war wüst und leer ... und Gott sprach ... -, einen Spielraum zu erkunden. Der Handel ist ein Paradigma, wie Leben organisiert sein und funktionieren kann. Leben hat dabei etwas mit Ordnung und Sinn zu tun, die aber nicht in Stein gemeißelt sind. Diese Ordnung muss flexibel bleiben, so dass beide mit dem, was ausgehandelt wurde, leben können. 

Das ist auch nach Gottes Willen.

Mit sind heute - 02.07. - noch ein paar "Sentenzen" auf der Gegenwart eingefallen. Die Werbefachleute können es noch kürzer als die Weisen des Alten Testament:
  • Geiz ist geil!
  • Ich bin doch nicht blöd!
  • Du darfst!
  • Das bin ich mir wert!
  • Das gönn ich mir!
Aber natürlich ist unsere konsumorientierte Welt auch zu längeren Sätzen fähig:
  • Schnäppchenjäger aufgepasst! Hier sparen Sie bis zu 75%!
  • Jeder ist sich selbst der Nächste - dann ist jedem geholfen.
  • Brot für die Welt - aber die Wurst bleibt hier
Ich les dann doch lieber in der Bibel weiter:

Prov 16,11
Rechte Stand- und Handwaage gehören YHWH,
  sein Werk sind alle (Gewichts-)Steine im Beutel.

Wir bleiben beim Geschäft. Die Mittel des Handelns gehören YHWH. Die flexiblen Ordnungen des Handels sollen nicht ausgenutzt werden. YHWH wacht darüber, dass die Spielregeln des Handelns nicht überstrapaziert werden. Er hat die Eigentümerschaft über den fairen Handel, damit keiner den anderen durch falsche Waage oder falsches Geld betrügt. 

Dabei wissen die Weisen, dass es Arm und Reich gibt in der Welt, und sie wollen es auch nicht ändern. Aber der Reiche darf nicht verächtlich auf den Armen herabschauen.

Prov 17,5a
Wer über einen Armen spottet, schmäht seinen Schöpfer;
  wer sich über Unglück freut, bleibt nicht ungestraft. 

Gott hat Arme und Reiche geschaffen. Wenn der Reiche nicht akzeptiert, dass auch er Geschöpf Gottes ist, wenn er sich als etwas Besseres betrachtet, wenn er verspottet, verschmäht, beleidigt, dann richtet er sich gegen Gott selbst und wird von den Weisen scharf kritisiert.

Bei diesen Sprüchen hatte ich unsere heutige Zeit vor Augen. Wie einfach würde unsere Wirtschaftsordnung funktionieren, wenn diese einfachen Spielregeln beachtet würden. Jeder muss mit dem, was ausgehandelt wird, leben - wirklich LEBEN !!! - können; die, die das Kapital haben, und die, die es sich verdienen müssen. Eine flexible Ordnung, mit der wir aber auch zufrieden sein können. (zur blind agierenden justitia vgl. unten das Zitat von Lapide und von Weizäcker)

Weisheit und Verstand


Prov 17,24
Vor dem Verständigen ist Weisheit,
  doch die Augen des Toren sind am Ende der Erde.

Weisheit ist nicht eine Frage des Wissens oder wie viel ich weiß, Weisheit ist eine Frage des Interesses. Es geht um die Offenheit, etwas zu lernen. Weil alles mit der ordentlichen und ordnenden Sphäre Gottes verbunden, deshalb kann man Zusammenhänge erkennen - nicht immer alles, aber doch das eine oder das andere, und das ist wichtig. 

Die Toren wollen das Ganze sehen, wollen bis an den Rand der Welt gehen, alles auskosten - aber das Ganze ist allein Gottes Sache. 

Dazu fiel mir dann ein Weisheitsspruch aus einer früheren Vorlesung (20.05.14) ein. Die Zeilen stammen aus der königlichen Hofschule und wurden dem königlichen Nachfolger mit auf den Weg gegeben. Besonders fasziniert hat mich da die letzte Zeile, dass "vollkommene Rede", Weisheit bei den "Mägden am Getreidereibstein" zu finden ist, wenn die, wie es Prov 17 sagt, verständig sind.

Sei nicht eingebildet auf dein Wissen
und verlasse dich nicht darauf, dass du ein Weiser seist,
sondern berate dich mit dem Unwissenden wie mit dem Wissenden.
Die Grenze der Kunst ist nicht erreicht, 
und da ist kein Künstler, dessen Meisterschaft vollendet ist.
Vollkommene Rede ist verborgener als Malachit*,
und doch findet man sie bei den Mägden am Getreidereibstein.
(Ptahhotep (Ägypten), 1. Maxime, Z. 52-59, um 2000 v. Chr.)
* Ein Malachit ist ein wertvoller Stein in damaliger Zeit.

Weisheit und YHWH


Prov 15,8-10
Das Opfer der Frevler ist Greuel Yhwhs,
  aber das Gebet der Geradsinnigen hat sein Wohlgefallen/ist sein Wille.
Greuel Yhwhs ist der Weg des Frevlers,
  er liebt den, der der Gerechtigkeit folgt.
Schlimme Züchtigung dem, der den Pfad verlässt,
  wer Zurechtweisung hasst, wird sterben.

Der Weise weiß, dass auch die Frevler vor Gott treten und ihm opfern. Sie wollen Gott mit ihrem Opfer zwingen. Damit finden sie aber keinen Wohlgefallen vor ihm, selbst wenn das Opfer etwas wert war. Dagegen setzt der Weise: ein Gebet aus tiefer Hingabe ist mehr wert als jedes Opfer. Wer aber in solch einem Wort eine Kritik an gängiger Opferpraxis sieht, der greift zu kurz. Ein Opfer mit der rechten Einstellung, das ist Gott wohlgefällig. 

In der zweiten Sentenz geht es um den Weg, der in Gottes Augen wohlgefällig ist. Das ist der Weg, der mit der Gerechtigkeit verbunden ist. Doch was ist darunter zu verstehen? Eine sehr schöne Definition habe ich bei Wikipedia gefunden: "Der Begriff der Gerechtigkeit ... bezeichnet einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt." (http://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeit - abgerufen am 01.07.2014)

Das erinnert doch stark daran, dass Prof. Spieckermann im Zusammenhang der ersten Sentenz aus der Geschäftswelt von Ordnungen sprach, die nicht in Stein gemeißelt sind, sondern die immer wieder austariert werden müssen, aber so, dass jeder damit leben kann. Ein Satz aus einem Gespräch von Pinchas Lapide und Carl Friedrich von Weizsäcker, den ich ebenfalls bei Wikipedia fand, ergänzt diese Sicht: Die Gerechtigkeit "bezeichnet all unser Wohltun, vom Almosengeben bis zur Selbsthingabe für den Nächsten als etwas, was diesem Nächsten gebührt und mit dessen Erfüllung wir nur das getan haben, was unsere Pflicht vor Gott ist. […] Eine lieblose, blinde mit verbundenen Augen agierende Gerechtigkeit wäre auf hebräisch ein Selbstwiderspruch, während zedaka, juridisch gesehen, eine Ungerechtigkeit zugunsten der Armen ist.“ (Pinchas Lapide, Carl Friedrich von Weizsäcker: Die Seligpreisungen – Ein Glaubensgespräch. Calwer-Kösel, Stuttgart/München 1980, S. 72.; zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeit#Gerechtigkeit_in_den_Religionen, vgl. Anmerkung 41 - abgerufen am 01.07.2014) 

Wie ernst es dem Weisen ist, dass der Mensch den Weg der Gerechtigkeit geht, das macht die letzte Sentenz deutlich. Fast zwingend heißt es, dass der Mensch auf Gottes Weg bleiben muss, auch wenn er ihn nicht kennt, wenn er nicht weiß, wohin er führt. Aber dazu hat Gott uns den Verstand gegeben, dass wir den Weg erforschen, dass wir uns beraten, dass wir uns selbst zurechtweisen lassen. Diesen Weg zu beschreiten in Gerechtigkeit - Wohlordnung für alle Menschen - das ist in Gottes Augen gut. Man muss sich nicht alles selbst ausdenken. Man kann lernen, den Weg zu gehen. Wer diesem Weg nicht geht, dessen Weg führt in den (intellektuellen) Tod.
Prov 21,21
Wer Gerechtigkeit und Güte verfolgt,
  wird Leben, Gerechtigkeit und Ehre finden.

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