Donnerstag, 24. Juli 2014

Der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile ... (Josef Ratzinger)

Mit dem heutigen Tag enden für mich die Vorlesungen und Seminare an der Georg-August-Universität Göttingen. Die letzte Veranstaltung war eine Seminarstunde im Rahmen der Übung "Karl V. und die Reformation". Deshalb will ich einen Gedanken zu dieser Übung an den vorläufigen Schluss dieses Blogs stellen. Allerdings werde ich in den nächsten Wochen diesen Blog weiter fortsetzen. Es ist noch einiges, was ich für mich zusammenfassen und klären möchte.

Karl V. und Martin Luther

Die beiden Bilder, die ich in diesen Post einfüge, spiegeln den Beginn und das Ende des Weges wieder, den Karl V. und Luther "gemeinsam" durch die Geschichte gegangen sind. Ein gutes Vierteljahrhundert liegt zwischen den beiden Ereignissen. Ich habe die Bilder im Lutherhaus in Wittenberg fotografiert.

Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen.

Luther vor dem Reichstag zu Worms,
Gemälde von Hermann Freihold Plüddemann, 1864
eigenes Foto, aufgenommen im Lutherhaus Wittenberg
Die dargestellte Situation ist wohlbekannt. Luther steht am 18.03.1521 vor dem jungen Kaiser des deutschen Reiches, gestützt auf die Heilige Schrift, auf das Wort Gottes, auf seine eigenen Schriften, den Segen und die Hilfe Gottes erbittend, auf den Gekreuzigten im Hintergrund zeigend, vom Licht umflutet: "Hier stehe ich! Ich kann nicht anders!" Dieser Satz hat sich uns allen eingeprägt, auch wenn er historisch nicht belegt werden kann.

Von Anfang an prallten mit Luther und Karl V. zwei Männer aufeinander, deren Positionen in Religionsfragen sich nicht vereinbaren ließen. Der Mönch war geprägt durch das Studium der Heiligen Schrift. In der Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes hatten sich ihm ganz neue Erkenntnisse eröffnet. Er wollte aufbrechen und "seine" Kirche reformieren. Der Kaiser war geprägt durch die Tradition seiner "römischen", seiner "wahren" Kirche, und er wollte diese Traditionen bewahren, auch da, wo er von "Reformation" sprach. War es wohl zuerst Luther, der dachte, den jungen Kaiser für seine Art der Bibelauslegung und -deutung gewinnen zu können, so war es später der Kaiser, der dachte, die "Ketzer" durch Religionsgespräche in den Schoß der katholischen Kirche zurückführen zu können.

Beide scheiterten mit ihrem Ansinnen, insbesondere, weil sie von völlig unterschiedlichen Standpunkten ihren Weg begannen. Nachdem das Gespräch, das Luther 1521 in Worms gesucht hatte, gescheitert war, schrieb er an den Kaiser: "Trotzdem danke ich Ew. kais. Maj. aufs allerdemütigste, daß mir das öffentliche Geleit zu Worms unverbrüchlich gehalten und weiter zu halten zugesagt wurde, bis ich sicher nach Hause käme ... Ich bin auch jetzt noch bereit, mich unter Ew. kais. Maj. Schutz vor unverdächtigen, gelehrten und freien Richtern, weltlichen oder geistlichen, zu stellen, durch Ew. kais. Maj., durch die Reichsstände, durch Konzile, durch Doktoren oder wer da könne oder wolle, belehren zu lassen und meine Bücher und Lehren allen gerne zu unterwerfen, ihre Prüfungen und ihr Urteil zu dulden und anzunehmen ohne jede Ausnahme als allein das offenbare, klare und freie Wort Gottes, welches billig über alles sein und aller Menschen Richter bleiben soll." (Luthers Brief vom 28.04.1521 an Karl V; in: Luther deutsch, hrsg. Kurt Aland, Band 10, Die Briefe, Stuttgart 1959, S. 88. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dieser Brief seinen Adressaten niemals erreichte.) Wenn Luther sich hier nach der gescheiterten Verständigung auf dem Reichstag noch einmal dezidiert einem Urteil anderer unterstellen wollte, so konnte er sich nicht vorstellen, dass diese nach gründlicher Prüfung mit Hilfe des "offenbaren, klaren und freien Wortes Gottes" zu einem anderen Urteil kämen als er selbst.

Damit hatte Luther aber überhaupt nicht verstanden, was der Kaiser am 19.04.1521 auf dem Reichstag als Reaktion auf die Erklärung des Reformators hatte verlauten lassen: "... Deshalb bin ich entschlossen, alles das zu erhalten, was meine Vorfahren und ich selbst bis in die Gegenwart hinein erhalten haben ...; denn es ist sicher, daß ein einzelner Bruder in seiner Meinung irrt, die gegen die ganze Christenheit in ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte bis hin zur Gegenwart steht, der zufolge die ganze Christenheit sich ständig im Irrtum befunden hätte. Deshalb bin ich fest entschlossen, dafür meine Reiche und Herrschaften, meine Freunde, meinen Leib, mein Blut, mein Leben und meine Seele einzusetzen." (Quelle: Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern) Diese Verlautbarung wiederum zeigt, das Karl V. in keiner Weise nachvollziehen konnte, was Luther bewegte und was der wollte. Während der eine mit der Bibel in der Hand diskutierte, berief sich der andere auf die Traditionen der Väter. Und damit redeten sie zeitlebens aneinander vorbei.

Respekt und Achtung

Karl V. vor Luthers Grab in der Wittenberger Schlosskirche
Gemälde von Alfred Friedrich Teichs, 1815
eigenes Foto, aufgenommen im Lutherhaus Wittenberg
Dieses Bild entdeckte ich beim Besuch des Lutherhauses in Wittenberg. Nach seinem Sieg über die Protestanten im Schmalkadischen Krieg (1546/47) wurde Karl V. die Stadt Wittenberg kampflos übergeben. Der Kaiser zog am 23. Mai 1547 als Sieger ein und soll auch in der Schlosskirche am Grab Luthers gewesen sein. Die antiprotestantischen Kräfte hätten, so wird berichtet, Karl aufgefordert, den Leichnam des "Ketzers" nachträglich auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. (vgl. www.luther.de)

Warum der Kaiser auf dieses Ansinnen nicht einging, lässt sich nicht mehr klären. Dabei ist es unerheblich, ob das Bild ein historisches Ereignis spiegelt oder nicht; Fakt ist, dass Karl Herr über Wittenberg war und nach damaligem Recht und Verständnis eine Verbrennung hätte anordnen können. Nach der Legende erklärt der Kaiser: "Er hat seinen Richter gefunden. Ich führe Krieg mit den Lebenden und nicht mit den Toten." (ebd. luther.de) Genauso wenig wie in dieser Situation lässt sich erklären, warum der junge Kaiser 1521 zu seinem Geleitwort stand, dass er einem "Ketzer" nicht zwangsläufig hätte halten müssen. Aber eine gewisse "Ritterlichkeit" scheint Karl zeitlebens geprägt zu haben.

Auch wenn es der Kaiser nicht so gemeint haben wird - er sprach stets von Luther als "Ketzer" und seinem Sohn Philipp empfahl er bei seinem Abschied am 25.10.1555, "wenn die Ketzerei auch über Euere Gränzen eindringen sollte, dann zögert nicht, sie zu vertilgen, oder es wird Euch übel ergehen" (Quellen zur Geschichte Kalrs V., hrsg. von Alfred Kohler, Darmstadt) - , also: auch wenn es der Kaiser nicht so gemeint haben wird, so ist sein Verhalten zu Beginn des "gemeinsamen" Weges mit Luther, wo er als Edelmann zu seinem Wort stand, und am Ende, wo er die Totenruhe respektierte, ein Zeichen, wie wir in unseren verschiedenen Konfessionen miteinander umgehen können: mit gegenseitigem Respekt und mit Achtung.

Gegenwart

Der eine oder andere mag fragen, warum es bis heute nicht zu einer Verständigung zwischen den Konfessionen gekommen ist. Josef Ratzinger gab am 23.09.2011 bei seinem Besuch im Augustinerkloster Erfurt eine Antwort auf solche Fragen: "Im Vorfeld meines Besuches war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von einem solchen Besuch erwarte. Die Gaben, die dabei genannt wurden, brauche ich nicht einzeln anzuführen. Dazu möchte ich sagen, daß dies so, wie es meistens erschien, ein politisches Mißverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt. Wenn ein Staatsoberhaupt ein befreundetes Land besucht, gehen im allgemeinen Kontakte zwischen den Instanzen voraus, die den Abschluß eines oder auch mehrerer Verträge zwischen den beiden Staaten vorbereiten: In der Abwägung von Vor- und Nachteilen entsteht der Kompromiß, der schließlich für beide Seiten vorteilhaft erscheint, so daß dann das Vertragswerk unterschrieben werden kann. Aber der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben. Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit. ... (Text und Video sind hier zu finden).

Der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile ...

Diese Worte sind es, die mich bis heute beschäftigen und meine Vorstellungen über die Gespräche zwischen den Konfessionen - und da meine ich nicht allein den evangelisch-katholischen Dialog, sondern auch den innervangelischen - prägen. "Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben." Bei all ihrer Verschiedenheit: auch Karl V. und Martin Luther hätten diesem Satz eines Papstes zustimmen müssen!

Was bedeutet das aber nun für das ökumenische Gespräch in der Gegenwart? Was Josef Ratzinger hier für die röm.-kath. Kirche beansprucht, gilt natürlich ebenso für die Kirchen der Reformation. Auch wenn der emeritierte Papst schreibt, dass "wir bei einer ökumenischen Begegnung nicht nur die Trennungen und Spaltungen beklagen (sollen) ...", dann muss doch ehrlicherweise angesprochen werden, was uns denn tatsächlich trennt bzw. wo dringender Gesprächsbedarf besteht.

Diese Kirche ... ist verwirklicht ... in der katholischen Kirche,
die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird ...

Das Dokument Lumen gentium (Vaticanum II) hält zum Gedanken, was die Kirche Jesu Christi ausmacht, fest: 
Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche, die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, hier auf Erden als sichtbares Gefüge verfaßt ... Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. ... Diese Kirche ... ist verwirklicht ... in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. ... Auf verschiedene Weise gehören zu ihr oder sind ihr zugeordnet die katholischen Gläubigen, die anderen an Christus glaubenden und schließlich alle Menschen überhaupt, die durch die Gnade Gottes berufen sind. ... Mit jenen, die durch die Taufe der Ehre des Christennamens teilhaftig sind, den vollen Glauben aber nicht bekennen oder die Einheit unter dem Nachfolger Petri nicht wahren, weiß sich die Kirche aus mehrfachem Grunde verbunden. ... Die Lehre über Einrichtung, Dauer, Gewalt und Sinn des dem Bischof von Rom zukommenden heiligen Primates sowie über des sen unfehlbares Lehramt legt die Heilige Synode abermals allen gläubigen fest zu glauben vor... (KThG IV/II 192f)

Allen Getauften gebührt der Ehrenname des Christen 

Immer wieder wurde das 2. Vatikanische Konzil mit der Hoffnung auf eine mögliche Verständigung rezipiert. Das mag daher rühren, dass auch andere, die nicht in der röm.-kath. Kirche getauft worden waren, als Christen bezeichnet wurden. Im Dokument Unitas redintegratio (Vaticanum II) kann man dazu lesen: 
In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen entstanden ..., und es kam zur Trennung recht großer Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten. Den Menschen jedoch, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, darf die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden - die katholische Kirche betrachtet sie als Brüder, in Verehrung und Liebe. ... Nichtsdestoweniger sind sie durch den Glauben in der Taufe gerechtfertigt und Christus eingegliedert, darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Söhnen der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt. ... Dennoch erfreuen sich die von uns getrennten Brüder, sowohl als einzelne wie auch als Gemeinschaften und Kirchen betrachtet, nicht jener Einheit, die Jesus Christus all denen schenken wollte, die er zu einem Leibe und zur Neuheit des Lebens wiedergeboren und lebendig gemacht hat, jener Einheit, die die Heilige Schrift und die verehrungswürdige Tradition der Kirche bekennt.

Schwestern und Brüder im Herrn ?!?

Wirft schon die Behauptung des ersten römischen Dokuments, dass die Kirche Jesu Christi sich allein in der röm.-kath. Kirche - und diese ist dadurch gekennzeichnet, dass sie vom Papst und den Bischöfen geleitet wird - verwirkliche, für evangelische Christen die Frage auf, wie es denn bei dieser Ausschließlichkeit und Engführung im Blick auf die Leitung durch Papst und Bischöfe zu einer Verständigung kommen soll, so ergibt sich eine weitere Schwierigkeit, wenn das zweite Konzilsdokument vor dem Hintergrund gelesen wird, dass die röm.-kath. Kirche noch einmal am 29.07.2007 eindeutig zwischen den "Ostkirchen" und "den Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind" unterscheidet. In dem Dokument "Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche" wird in den Antworten 4 und 5 mit eindeutigem Bezug auf das 2. Vatikanische Konzil unmissverständlich festgehalten, dass den Kirchen der Reformation in der römischen Sichtweise das "Kirche-sein" ohne wenn und aber abgesprochen wird. Welche getauften Christen sind dann eigentlich die Schwestern und "Brüder im Herrn", von dem das Dokument Unitas redintegratio noch spricht?

Confessio Augustana - 7. Artikel - Von der Kirche

Es wird gelehrt,
dass alle Zeit müsse eine heilige christliche Kirche sein und bleiben,
welche ist die Versammlung aller Gläubigen,
bei welchen das Evangelium rein gepredigt
und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden.

Aus evangelisch-lutherischer Sicht muss dieser Artikel des Augsburger Bekenntnisses von 1530 Dreh- und Angelpunkt aller interkonfessionellen Gespräche sein. Damit haben die Reformatoren eine Linie gezogen, hinter die evangelischerseits niemand mehr zurück kann! Wie bei Martin Luther bleibt dabei allein "das offenbare, klare und freie Wort Gottes, welches billig über alles sein und aller Menschen Richter bleiben soll", Kriterium theologischen Denkens. Die röm.-kath. Kirche - aber auch die anderen, mit denen wir im Gespräch sind - wird erklären müssen, ob sie diese Kennzeichen einer christlichen Kirche als solche ohne weitere Ergänzung akzeptieren kann.

Noch einmal soll Josef Ratzinger zu Wort kommen: "Wir sollten bei einer ökumenischen Begegnung nicht nur die Trennungen und Spaltungen beklagen, sondern Gott für alles danken, was er uns an Einheit erhalten hat und immer neu schenkt." - Gott für alles danken, was an Einheit (noch) vorhanden ist. Das ist ein gutes Motto, wie Christen - evangelisch, katholisch, orthodox - einander begegnen und in der Welt fröhlich ihren Glauben bekennen können. Dabei haben wir es dann nicht mehr nötig, den anderen auf unsere Seite ziehen zu wollen. In versöhnter Geschwisterlichkeit können wir in dieser Welt und für sie mit dem Apostel Paulus bekennen:

Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist,
welcher ist Jesus Christus.
1. Korinther 3,11

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