Dienstag, 4. November 2014

Erstens kommt es anders ...

... und zweitens, als man denkt!

Wer diesen Blog liest bzw. wer ihn gelesen hat wird wissen, dass ich eigentlich angekündigt hatte, noch manchen Gedanken einzutragen. Aber dazu läuft die Zeit dann doch zu schnell. Der Gemeindealltag stellt seine Anforderungen an die "Pflicht", so dass die "Kür" zu kurz kommt. Deshalb will ich mit dem heutigen Tag diesen Blog mit ein paar Zeilen aus meinem Semesterbericht abschließen. Mit Beginn des neuen Kirchenjahres will ich zum 1. Advent einen neuen Blog eröffnen, in dem es um Gedanken geht, die für die sonntägliche Predigt fruchtbar gemacht werden können. Ich bin gespannt, inwieweit sich diese Idee umsetzen lässt.

Im "Formular" für den Semesterbericht wurde u.a. nach "ertragreichen Veranstaltungen" und nach dem "Ertrag des Studiensemesters für die Berufspraxis" gefragt.

Auf die erste Frage konnte ich so antworten: "Ertragreich waren alle Veranstaltungen des Semesters. ... Ich nahm mir die Zeit, die Veranstaltungen gründlich vor- und nachzubereiten.

  • Feldmeier - Gott im Neuen Testament
  • Spieckermann - Theologie AT
  • Gemeinhardt - Geschichte des Christentums im Mittelalter
  • Gößner - Karl V. und die Reformation
  • Schröder - Konfirmandenarbeit als gemeindepädagogisches Handlungsfeld

Die thematisch ausgerichteten Hausabende ergänzten die universitären Angebote. ..."

Wenn dann nach dem "Ertrag des Studiensemesters für die Berufspraxis" gefragt wird, dann kann ich für mich dieses festhalten: "Die Erkenntnisse aus der alttestamentlichen Vorlesung bei Prof. Spieckermann und dem neutestamentliche Seminar bei Prof. Feldmeier fließen stark in die Verkündigungspraxis ein. Beide Dozenten hatten ihre Veranstaltungen so angelegt, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse immer in einem Bezug zur Glaubenswirklichkeit standen.

Die Erkenntnisse der kirchengeschichtlichen Vorlesung von Prof. Gmeinhardt und der Übung von Dr. Gößner können in der Planung und Durchführung des Reformationsjubiläums im Jahr 2017 fruchtbar gemacht werden.

Im Zusammenhang mit dem Seminar bei Prof. Schröder bereitete ich ein Referat vor, in dem ich den eigenen Konfirmandenunterricht reflektierte. ... Den Konfirmandenunterricht hier in Meppen werde ich jetzt im Vollzug weiterentwickeln."

Zusammenfassend kann ich nur festhalten, dass der Aufenthalt in Göttingen für mich sehr fruchtbar war. Ich kann jeder Kollegin und jedem Kollegen nur raten, das Angebot der Landeskirche auf Teilnahme an einem Studiensemester wahrzunehmen.

Schließen möchte ich mit einer Übersetzung aus dem neutestamentlichen Seminar. Ganz bestimmt wird dieses Wort Gottes, wie es der Apostel Paulus gehört hat, im angekündigten Blog zu den Predigtgedanken eine Rolle spielen. Nach der Übersetzung von Prof. Feldmeier (Gott der Lebendigen S. 381) spricht Gott im 2. Brief an die Korinther im 12. Kapitel zu seinem Apostel und damit auch zu uns:

Es genügt dir meine Gnade,
denn meine Kraft kommt in der Schwachheit zur Vollendung.

Freitag, 25. Juli 2014

Siehe, ich habe dir heute das Leben und das Gute vorgelegt, den Tod und das Böse ...

Eigentlich hatte ich gestern nicht gedacht, dass ich hier so schnell den nächsten Post veröffentlichen würde. Aber da das Wetter heute sehr regnerisch war, verschob ich meine Abreise von Göttingen auf morgen und nutze die Zeit, um diese Zeilen zu schreiben.

Im Rahmen des Hausabends am 16.07. mit Prof. Laube war die Frage aufgekommen, was das "Mehr" des christlichen Glaubens gegenüber der Welt sei, warum Menschen an Gott glauben, warum es sich "lohnt", sein Leben mit Gott zu gestalten. Offensichtlich geht es in der Welt doch auch ohne Gott ganz gut. Tags darauf im neutestamentlichen Seminar "Gott im Neuen Testament", das Prof. Feldmeier und Prof Spieckermann noch einmal gemeinsam gestalteten, ergab sich für mich eine Antwort auf diese Frage.

Was wir hoffen dürfen ...

Das war der Titel der letzten Stunde im neutestamentlichen Seminar. Vordergründig drehte es sich zunächst um die Frage der Auferstehung und deren Bestreitung durch die Sadduzäer. Der Evangelist Markus beschreibt in seinem Evangelium Kap 12,18-27, wie Jesus die Infragestellung dieser christlichen (und jüdischen) Hoffnung durch die Sadduzäer aufgreift und widerlegt. Diese hatten den Fall konstruiert, eine Frau habe sieben Brüder zu Männer gehabt (Leviratsehe), die einer nach dem anderen kinderlos gestorben waren. Zum Schluss stirbt die Frau. "Bei der Auferstehung, wenn sie (denn) auferstehen", so die Frage der Sadduzäer, "zu welchem von ihnen gehört dann die Frau? Denn (alle) sieben hatten die Frau." Während sich die Bestreiter der Auferstehung darauf berufen, dass sich eine solche Vorstellung nicht aus der Tora belegen lässt, nimmt Jesus eben diese Schriften auf und führt als Beleg für seine Überzeugung und Hoffnung die zentrale Bibelstelle an, wo Gott sich Mose im brennenden Dornbusch zeigt und sich vorstellt als "Gott Abrahams und Gott Isaaks und Gott Jakobs". Diese Selbstvorstellung Gottes mit den Namen der längst verstorbenen Erzväter verbindet Jesus mit der Glaubensüberzeugung, dass Gott ein Gott der Lebenden ist - dem müssten eigentlich auch die Sadduzäer zustimmen - und "schlussfolgert", dass es die Auferstehung gibt.

Der Gott der Lebendigen ...

Ginge es allein um die Gegenüberstellung zweier Standpunkte, biblisch begründet oder auch nicht, so wäre die Frage nach der Auferstehung eine "lahme" Geschichte, die niemand "aus der Reserve lockte". Der Sinn der Antwort Jesu liegt viel tiefer. Während die Sadduzäer über das Für und Wider eines "frommen" Gedankens spekulieren und diskutieren, geht es Jesus um eine, um seine und unsere Beziehung zu Gott. Warum sonst greift er gerade auf die Bibelstelle 2. Mose 3,6 zurück? Warum nimmt er in seiner Erklärung nicht die Bibelstelle 2. Mose 3,14 auf - nur wenige Verse weiter - und verweist auf den Gottesnamen YHWH, der vom hebräischen Zeitwort für »sein« her gedeutet wird und den Luther dann so übersetzt: "Ich werde sein, der ich sein werde." Jesus hätte doch dann auch erklären können: Dieser Gott, der frei über das Sein verfügt, der schenkt auch in Freiheit die Auferstehung.

Jesus wählt einen anderen, für ihn allerdings nicht beliebig austauschbaren, sondern für seinen Glauben und für sein Leben konstitutiven Ansatz. Bei der Frage nach der Auferstehung, nach dem, was nach diesem Leben kommt, beruft sich Jesus auf den Anfang der Beziehung Gottes zu seinem Volk Israel. Und er verweist nicht auf den Eigennamen Gottes YHWH, sondern er nimmt die Selbstvorstellung Gottes auf, wo sich dieser Gott an Menschen, an die Erzväter Israels, an Abraham, Isaak und Jakob bindet. So "existiert" dieser Gott der Väter nicht um seiner selbst willen, als ein "höheres Wesen", als "etwas, das größer sein muss als die Menschen oder das, was wir hier sehen", der Gott der Väter "existiert" allein um seiner Menschen willen. Aus genau dieser Beziehung zu Gott lebt Jesus und in genau diese Beziehung nimmt Jesus die Menschen um sich herum mit hinein, die sich das gefallen lassen.

Unter diesem Blickwinkel ist es geboten, bei der in die Zukunft weisenden Frage "Was wir hoffen dürfen?" an den Anfang zurückzugehen und zu schauen, was es mit Gott und mit seinen Menschen, den Lebenden, auf sich hat. Aus der Vielzahl der Völker erwählt sich Gott sein Volk Israel, "nicht, weil es größer wäre als alle Völker - denn es ist das kleinste unter allen Völkern -, sondern weil Gott dieses Volk geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er den Vätern geschworen hat". (vgl. zum biblischen Hintergrund der Formulierungen 5. Mose 7,7f) Um seiner Liebe, um seiner Beziehung zu Israel willen führt Gott sein Volk aus der ägyptischen Knechtschaft in ein "Land, da Milch und Honig fließen", er führt sie ins "Leben".

Ich lege dir vor Leben und Tod ...

Wer sich auf diesen Gott einlässt, der wird mit der Frage konfrontiert, was das für sein Leben bedeutet. Prof. Spieckermann verwies in der letzten Seminarstunde auf 5. Mose 30. Nachdem Mose den Israeliten, die kurz vor dem Einzug ins "gelobte Land" stehen, noch einmal die Geschichte des Auszugs vor Augen gehalten hatte, auch das Fehlverhalten Israels auf dem Weg bis zum jetzigen Augenblick, spricht er die folgenden Worte:
15 Siehe, ich habe dir heute vorgelegt das Leben und das Gute, den Tod und das Böse. 16 Wenn du gehorchst den Geboten des HERRN, deines Gottes, die ich dir heute gebiete, dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der HERR, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen. 17 Wendet sich aber dein Herz und du gehorchst nicht, sondern lässt dich verführen, dass du andere Götter anbetest und ihnen dienst, 18 so verkünde ich euch heute, dass ihr umkommen und nicht lange in dem Lande bleiben werdet, in das du über den Jordan ziehst, es einzunehmen. 19 Ich nehme Himmel und Erde heute über euch zu Zeugen: Ich habe euch Leben und Tod, Segen und Fluch vorgelegt, damit du das Leben erwählst und am Leben bleibst, du und deine Nachkommen, 20 indem ihr den HERRN, euren Gott, liebt und seiner Stimme gehorcht und ihm anhangt. Denn das bedeutet für dich, dass du lebst und alt wirst und wohnen bleibst in dem Lande, das der HERR deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat, ihnen zu geben. (5. Mose 30,15-20)
Der Gott der Väter, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott der Lebendigen, der Vater unseres Herrn und Heilands Jesus Christus, er hätte wegen des Verhaltens seiner Menschen allen Grund, von seinem ursprünglichen Plan Abstand zu nehmen, sein Volk ins "gelobte Land", in ein Land, da "Milch und Honig" fließen, zu führen. Aber Gott steht zu dem, was er geschworen hat. Er vergisst seine Verheißungen nicht. Allerdings, er stellt uns vor die Wahl, was seine Erwählung für uns bedeutet, was wir wählen: Leben oder Tod, Gutes oder Böses, Segen oder Fluch.

Gottes Versprechen lautet:
"Wenn du gehorchst den Geboten (5. Mose 5,6ff) des HERRN, deines Gottes ..."
Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. 
Du sollst dir kein Bildnis machen in irgendeiner Gestalt, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist. Du sollst sie nicht anbeten noch ihnen dienen. Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten. 
Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht. 
Den Sabbattag sollst du halten, dass du ihn heiligest, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat. Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun. Aber am siebenten Tag ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Rind, dein Esel, all dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt, auf dass dein Knecht und deine Magd ruhen gleichwie du. Denn du sollst daran denken, dass auch du Knecht in Ägyptenland warst und der HERR, dein Gott, dich von dort herausgeführt hat mit mächtiger Hand und ausgerecktem Arm. Darum hat dir der HERR, dein Gott, geboten, dass du den Sabbattag halten sollst. 
Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, wie dir der HERR, dein Gott, geboten hat, auf dass du lange lebest und dir's wohlgehe in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird. 
Du sollst nicht töten. 
Du sollst nicht ehebrechen 
Du sollst nicht stehlen. 
Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten. 
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus, Acker, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was sein ist. 
"Wenn du gehorchst den Geboten des HERRN, deines Gottes, die ich dir heute gebiete, dass du den HERRN, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der HERR, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen." (5. Mose 30,16ff)

Kann es eine schönere, kann es eine tiefere Verheißung des Lebens geben?

Die Heilige Schrift beschreibt hier nicht eine Rechtsbestimmung im Sinn von "wenn ich tue, dann macht Gott"! Und die beiden Passagen, wo es um Gottes "Eifer" und um seine "Strafe" geht - ich habe sie ganz bewusst im Text gelassen - , diese Passagen sind keine Drohung mit dem erhobenen moralischen Zeigefinger! Diese Zeilen beschreiben den "Tod, das Böse, den Fluch", den wir Menschen wählen, wenn wir nicht Gottes Gebot halten. Dabei geht es weder damals noch heute allein um eine vollständige, um eine kasuistische und penible Einhaltung der Gebote, es geht vielmehr um eine Lebenseinstellung, um die Freude an Gottes Gebot (Psalm 1,2), die jedem frommen Juden zu eigen ist und die wir Christen von unseren jüdischen Geschwistern nur lernen können.

Hoffen wir allein in diesem Leben auf Gott ...

Wer das "Leben, das Gute, den Segen" wählt, wer dem Gott der Väter und seinem Wort und seinem Gebot Raum schenkt in seinem Leben, wer mit der Liebe Gottes rechnet, wer mit Jesus zum "Vater im Himmel" betet, wer darauf vertraut, dass "Gottes Reich" schon hier auf Erden anbricht, wenn Jesus "durch Gottes Finger die bösen Geister" austreibt (Lk 11,20), der wird auch darauf hoffen, dass "Gott Kraft" (Mk 12,24) uns durch den Tod am Ende dieses Weges ins Leben führt. Dort aber spielen selbst die besten Vorstellungen, denen wir auf Erden Bedeutung beimessen - Ehe, Familie, Kinder - , keine Rolle mehr. Der Apostel Paulus hat das alles so ausgedrückt: "Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen."  (1. Kor 15,19) Nun aber ist der, der uns zum Gott der Väter, zum Gott der Lebendigen führt, der ganz und gar aus Gottes Liebe lebt und der Gott deshalb seinen Vater im Himmel nennt, "nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind". (1. Kor 15,19f)

Dies ist die Antwort, die ich weitergeben möchte, wenn ich auf die eingangs gestellte Frage Auskunft geben soll, warum Menschen an Gott glauben, warum es sich "lohnt", sein Leben mit Gott zu gestalten.

Exkurs

Prof. Feldmeier vermutet, dass mit der Frage der Sadduzäer auch eine Märtyrergeschichte aus dem 2. Makkabäerbuch verunglimpft werden soll (vgl. Feldmeier, Spieckermann, S. 518; man lese sich die Geschichte an der verlinkten Bibelstelle ruhig einmal durch). Es wird berichtet, dass unter dem Seleukiden Antiochos IV. (um 215 bis 164 v. Chr.) sieben Brüder aus Israel vor den Augen ihrer Mutter bestialisch gefoltert und ermordet wurden, weil sie am Glauben Israels festhielten. Die Mutter stärkt ihre Söhne, indem sie auf Gottes Schöpfermacht verweist: "Ich weiß nicht, wie ihr in meinem Leib entstanden seid, noch habe ich euch Atem und Leben geschenkt ... Nein, der Schöpfer der Welt hat den werdenden Menschen geformt ..." Und davon ist sie überzeugt, dass der, der das Leben schenkt, auch "gnädig Atem und Leben" wiedergibt, wenn die Söhne jetzt um des Glaubens willen sterben. Und dem Jüngsten sagt sie zu: "Hab keine Angst vor diesem Henker, sei deiner Brüder würdig und nimm den Tod an! Dann werde ich dich zur Zeit der Gnade mit deinen Brüdern wiederbekommen." Am Ende wird die Mutter selbst ermordet.

Auch wenn ich anfangs meine Zweifel hatte, ob tatsächlich diese Geschichte im Hintergrund stand, so denke ich mittlerweile, dass Feldmeiers Annahme zutrifft. Denn auch in der Märtyrergeschichte geht es neben dem Mut des Bekenntnisses um die Hoffnung, dass das, was diese Menschen hier erleiden, nicht das letzte ist, dass nicht der Tod und seine Henker das letzte Wort behalten, dass vielmehr der Gott der Väter sie auferweckt zu einem neuen Leben. Und aus dieser Hoffnung schöpfen andere wieder Mut und Zuversicht für ihr eigenes Leben.

Wenn Menschen wie die Sadduzäer grundsätzlich den Gedanken an eine Auferstehung der Toten ablehnen, dann müssen sie sich logischerweise auch gegen Geschichten wie die aus dem Makkabäerbuch aussprechen. Dann erhebt sich aber für mich auch die Frage, ob es sich wirklich lohnt, dass einer um einer "gerechten" Sache willen sein Leben wagt, ob es nicht sinnvoller ist, allein an sich selbst, an seine eigene Sicherheit zu denken. Sind wir dann aber nicht an einem Punkt angelangt, wo nur noch Egoismus und Opportunismus und nackte Tyrannei herrschen? Haben wir das in der Geschichte nicht immer wieder erlebt?

Donnerstag, 24. Juli 2014

Der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile ... (Josef Ratzinger)

Mit dem heutigen Tag enden für mich die Vorlesungen und Seminare an der Georg-August-Universität Göttingen. Die letzte Veranstaltung war eine Seminarstunde im Rahmen der Übung "Karl V. und die Reformation". Deshalb will ich einen Gedanken zu dieser Übung an den vorläufigen Schluss dieses Blogs stellen. Allerdings werde ich in den nächsten Wochen diesen Blog weiter fortsetzen. Es ist noch einiges, was ich für mich zusammenfassen und klären möchte.

Karl V. und Martin Luther

Die beiden Bilder, die ich in diesen Post einfüge, spiegeln den Beginn und das Ende des Weges wieder, den Karl V. und Luther "gemeinsam" durch die Geschichte gegangen sind. Ein gutes Vierteljahrhundert liegt zwischen den beiden Ereignissen. Ich habe die Bilder im Lutherhaus in Wittenberg fotografiert.

Hier stehe ich! Ich kann nicht anders! Gott helfe mir! Amen.

Luther vor dem Reichstag zu Worms,
Gemälde von Hermann Freihold Plüddemann, 1864
eigenes Foto, aufgenommen im Lutherhaus Wittenberg
Die dargestellte Situation ist wohlbekannt. Luther steht am 18.03.1521 vor dem jungen Kaiser des deutschen Reiches, gestützt auf die Heilige Schrift, auf das Wort Gottes, auf seine eigenen Schriften, den Segen und die Hilfe Gottes erbittend, auf den Gekreuzigten im Hintergrund zeigend, vom Licht umflutet: "Hier stehe ich! Ich kann nicht anders!" Dieser Satz hat sich uns allen eingeprägt, auch wenn er historisch nicht belegt werden kann.

Von Anfang an prallten mit Luther und Karl V. zwei Männer aufeinander, deren Positionen in Religionsfragen sich nicht vereinbaren ließen. Der Mönch war geprägt durch das Studium der Heiligen Schrift. In der Auseinandersetzung mit dem Wort Gottes hatten sich ihm ganz neue Erkenntnisse eröffnet. Er wollte aufbrechen und "seine" Kirche reformieren. Der Kaiser war geprägt durch die Tradition seiner "römischen", seiner "wahren" Kirche, und er wollte diese Traditionen bewahren, auch da, wo er von "Reformation" sprach. War es wohl zuerst Luther, der dachte, den jungen Kaiser für seine Art der Bibelauslegung und -deutung gewinnen zu können, so war es später der Kaiser, der dachte, die "Ketzer" durch Religionsgespräche in den Schoß der katholischen Kirche zurückführen zu können.

Beide scheiterten mit ihrem Ansinnen, insbesondere, weil sie von völlig unterschiedlichen Standpunkten ihren Weg begannen. Nachdem das Gespräch, das Luther 1521 in Worms gesucht hatte, gescheitert war, schrieb er an den Kaiser: "Trotzdem danke ich Ew. kais. Maj. aufs allerdemütigste, daß mir das öffentliche Geleit zu Worms unverbrüchlich gehalten und weiter zu halten zugesagt wurde, bis ich sicher nach Hause käme ... Ich bin auch jetzt noch bereit, mich unter Ew. kais. Maj. Schutz vor unverdächtigen, gelehrten und freien Richtern, weltlichen oder geistlichen, zu stellen, durch Ew. kais. Maj., durch die Reichsstände, durch Konzile, durch Doktoren oder wer da könne oder wolle, belehren zu lassen und meine Bücher und Lehren allen gerne zu unterwerfen, ihre Prüfungen und ihr Urteil zu dulden und anzunehmen ohne jede Ausnahme als allein das offenbare, klare und freie Wort Gottes, welches billig über alles sein und aller Menschen Richter bleiben soll." (Luthers Brief vom 28.04.1521 an Karl V; in: Luther deutsch, hrsg. Kurt Aland, Band 10, Die Briefe, Stuttgart 1959, S. 88. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass dieser Brief seinen Adressaten niemals erreichte.) Wenn Luther sich hier nach der gescheiterten Verständigung auf dem Reichstag noch einmal dezidiert einem Urteil anderer unterstellen wollte, so konnte er sich nicht vorstellen, dass diese nach gründlicher Prüfung mit Hilfe des "offenbaren, klaren und freien Wortes Gottes" zu einem anderen Urteil kämen als er selbst.

Damit hatte Luther aber überhaupt nicht verstanden, was der Kaiser am 19.04.1521 auf dem Reichstag als Reaktion auf die Erklärung des Reformators hatte verlauten lassen: "... Deshalb bin ich entschlossen, alles das zu erhalten, was meine Vorfahren und ich selbst bis in die Gegenwart hinein erhalten haben ...; denn es ist sicher, daß ein einzelner Bruder in seiner Meinung irrt, die gegen die ganze Christenheit in ihrer mehr als tausendjährigen Geschichte bis hin zur Gegenwart steht, der zufolge die ganze Christenheit sich ständig im Irrtum befunden hätte. Deshalb bin ich fest entschlossen, dafür meine Reiche und Herrschaften, meine Freunde, meinen Leib, mein Blut, mein Leben und meine Seele einzusetzen." (Quelle: Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern) Diese Verlautbarung wiederum zeigt, das Karl V. in keiner Weise nachvollziehen konnte, was Luther bewegte und was der wollte. Während der eine mit der Bibel in der Hand diskutierte, berief sich der andere auf die Traditionen der Väter. Und damit redeten sie zeitlebens aneinander vorbei.

Respekt und Achtung

Karl V. vor Luthers Grab in der Wittenberger Schlosskirche
Gemälde von Alfred Friedrich Teichs, 1815
eigenes Foto, aufgenommen im Lutherhaus Wittenberg
Dieses Bild entdeckte ich beim Besuch des Lutherhauses in Wittenberg. Nach seinem Sieg über die Protestanten im Schmalkadischen Krieg (1546/47) wurde Karl V. die Stadt Wittenberg kampflos übergeben. Der Kaiser zog am 23. Mai 1547 als Sieger ein und soll auch in der Schlosskirche am Grab Luthers gewesen sein. Die antiprotestantischen Kräfte hätten, so wird berichtet, Karl aufgefordert, den Leichnam des "Ketzers" nachträglich auf dem Scheiterhaufen verbrennen zu lassen. (vgl. www.luther.de)

Warum der Kaiser auf dieses Ansinnen nicht einging, lässt sich nicht mehr klären. Dabei ist es unerheblich, ob das Bild ein historisches Ereignis spiegelt oder nicht; Fakt ist, dass Karl Herr über Wittenberg war und nach damaligem Recht und Verständnis eine Verbrennung hätte anordnen können. Nach der Legende erklärt der Kaiser: "Er hat seinen Richter gefunden. Ich führe Krieg mit den Lebenden und nicht mit den Toten." (ebd. luther.de) Genauso wenig wie in dieser Situation lässt sich erklären, warum der junge Kaiser 1521 zu seinem Geleitwort stand, dass er einem "Ketzer" nicht zwangsläufig hätte halten müssen. Aber eine gewisse "Ritterlichkeit" scheint Karl zeitlebens geprägt zu haben.

Auch wenn es der Kaiser nicht so gemeint haben wird - er sprach stets von Luther als "Ketzer" und seinem Sohn Philipp empfahl er bei seinem Abschied am 25.10.1555, "wenn die Ketzerei auch über Euere Gränzen eindringen sollte, dann zögert nicht, sie zu vertilgen, oder es wird Euch übel ergehen" (Quellen zur Geschichte Kalrs V., hrsg. von Alfred Kohler, Darmstadt) - , also: auch wenn es der Kaiser nicht so gemeint haben wird, so ist sein Verhalten zu Beginn des "gemeinsamen" Weges mit Luther, wo er als Edelmann zu seinem Wort stand, und am Ende, wo er die Totenruhe respektierte, ein Zeichen, wie wir in unseren verschiedenen Konfessionen miteinander umgehen können: mit gegenseitigem Respekt und mit Achtung.

Gegenwart

Der eine oder andere mag fragen, warum es bis heute nicht zu einer Verständigung zwischen den Konfessionen gekommen ist. Josef Ratzinger gab am 23.09.2011 bei seinem Besuch im Augustinerkloster Erfurt eine Antwort auf solche Fragen: "Im Vorfeld meines Besuches war verschiedentlich von einem ökumenischen Gastgeschenk die Rede, das man sich von einem solchen Besuch erwarte. Die Gaben, die dabei genannt wurden, brauche ich nicht einzeln anzuführen. Dazu möchte ich sagen, daß dies so, wie es meistens erschien, ein politisches Mißverständnis des Glaubens und der Ökumene darstellt. Wenn ein Staatsoberhaupt ein befreundetes Land besucht, gehen im allgemeinen Kontakte zwischen den Instanzen voraus, die den Abschluß eines oder auch mehrerer Verträge zwischen den beiden Staaten vorbereiten: In der Abwägung von Vor- und Nachteilen entsteht der Kompromiß, der schließlich für beide Seiten vorteilhaft erscheint, so daß dann das Vertragswerk unterschrieben werden kann. Aber der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben. Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit. ... (Text und Video sind hier zu finden).

Der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und Nachteile ...

Diese Worte sind es, die mich bis heute beschäftigen und meine Vorstellungen über die Gespräche zwischen den Konfessionen - und da meine ich nicht allein den evangelisch-katholischen Dialog, sondern auch den innervangelischen - prägen. "Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken und aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben." Bei all ihrer Verschiedenheit: auch Karl V. und Martin Luther hätten diesem Satz eines Papstes zustimmen müssen!

Was bedeutet das aber nun für das ökumenische Gespräch in der Gegenwart? Was Josef Ratzinger hier für die röm.-kath. Kirche beansprucht, gilt natürlich ebenso für die Kirchen der Reformation. Auch wenn der emeritierte Papst schreibt, dass "wir bei einer ökumenischen Begegnung nicht nur die Trennungen und Spaltungen beklagen (sollen) ...", dann muss doch ehrlicherweise angesprochen werden, was uns denn tatsächlich trennt bzw. wo dringender Gesprächsbedarf besteht.

Diese Kirche ... ist verwirklicht ... in der katholischen Kirche,
die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird ...

Das Dokument Lumen gentium (Vaticanum II) hält zum Gedanken, was die Kirche Jesu Christi ausmacht, fest: 
Der einzige Mittler Christus hat seine heilige Kirche, die Gemeinschaft des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe, hier auf Erden als sichtbares Gefüge verfaßt ... Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen. ... Diese Kirche ... ist verwirklicht ... in der katholischen Kirche, die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird. ... Auf verschiedene Weise gehören zu ihr oder sind ihr zugeordnet die katholischen Gläubigen, die anderen an Christus glaubenden und schließlich alle Menschen überhaupt, die durch die Gnade Gottes berufen sind. ... Mit jenen, die durch die Taufe der Ehre des Christennamens teilhaftig sind, den vollen Glauben aber nicht bekennen oder die Einheit unter dem Nachfolger Petri nicht wahren, weiß sich die Kirche aus mehrfachem Grunde verbunden. ... Die Lehre über Einrichtung, Dauer, Gewalt und Sinn des dem Bischof von Rom zukommenden heiligen Primates sowie über des sen unfehlbares Lehramt legt die Heilige Synode abermals allen gläubigen fest zu glauben vor... (KThG IV/II 192f)

Allen Getauften gebührt der Ehrenname des Christen 

Immer wieder wurde das 2. Vatikanische Konzil mit der Hoffnung auf eine mögliche Verständigung rezipiert. Das mag daher rühren, dass auch andere, die nicht in der röm.-kath. Kirche getauft worden waren, als Christen bezeichnet wurden. Im Dokument Unitas redintegratio (Vaticanum II) kann man dazu lesen: 
In dieser einen und einzigen Kirche Gottes sind schon von den ersten Zeiten an Spaltungen entstanden ..., und es kam zur Trennung recht großer Gemeinschaften von der vollen Gemeinschaft der katholischen Kirche, oft nicht ohne Schuld der Menschen auf beiden Seiten. Den Menschen jedoch, die jetzt in solchen Gemeinschaften geboren sind und in ihnen den Glauben an Christus erlangen, darf die Schuld der Trennung nicht zur Last gelegt werden - die katholische Kirche betrachtet sie als Brüder, in Verehrung und Liebe. ... Nichtsdestoweniger sind sie durch den Glauben in der Taufe gerechtfertigt und Christus eingegliedert, darum gebührt ihnen der Ehrenname des Christen, und mit Recht werden sie von den Söhnen der katholischen Kirche als Brüder im Herrn anerkannt. ... Dennoch erfreuen sich die von uns getrennten Brüder, sowohl als einzelne wie auch als Gemeinschaften und Kirchen betrachtet, nicht jener Einheit, die Jesus Christus all denen schenken wollte, die er zu einem Leibe und zur Neuheit des Lebens wiedergeboren und lebendig gemacht hat, jener Einheit, die die Heilige Schrift und die verehrungswürdige Tradition der Kirche bekennt.

Schwestern und Brüder im Herrn ?!?

Wirft schon die Behauptung des ersten römischen Dokuments, dass die Kirche Jesu Christi sich allein in der röm.-kath. Kirche - und diese ist dadurch gekennzeichnet, dass sie vom Papst und den Bischöfen geleitet wird - verwirkliche, für evangelische Christen die Frage auf, wie es denn bei dieser Ausschließlichkeit und Engführung im Blick auf die Leitung durch Papst und Bischöfe zu einer Verständigung kommen soll, so ergibt sich eine weitere Schwierigkeit, wenn das zweite Konzilsdokument vor dem Hintergrund gelesen wird, dass die röm.-kath. Kirche noch einmal am 29.07.2007 eindeutig zwischen den "Ostkirchen" und "den Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind" unterscheidet. In dem Dokument "Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche" wird in den Antworten 4 und 5 mit eindeutigem Bezug auf das 2. Vatikanische Konzil unmissverständlich festgehalten, dass den Kirchen der Reformation in der römischen Sichtweise das "Kirche-sein" ohne wenn und aber abgesprochen wird. Welche getauften Christen sind dann eigentlich die Schwestern und "Brüder im Herrn", von dem das Dokument Unitas redintegratio noch spricht?

Confessio Augustana - 7. Artikel - Von der Kirche

Es wird gelehrt,
dass alle Zeit müsse eine heilige christliche Kirche sein und bleiben,
welche ist die Versammlung aller Gläubigen,
bei welchen das Evangelium rein gepredigt
und die heiligen Sakramente dem Evangelium gemäß gereicht werden.

Aus evangelisch-lutherischer Sicht muss dieser Artikel des Augsburger Bekenntnisses von 1530 Dreh- und Angelpunkt aller interkonfessionellen Gespräche sein. Damit haben die Reformatoren eine Linie gezogen, hinter die evangelischerseits niemand mehr zurück kann! Wie bei Martin Luther bleibt dabei allein "das offenbare, klare und freie Wort Gottes, welches billig über alles sein und aller Menschen Richter bleiben soll", Kriterium theologischen Denkens. Die röm.-kath. Kirche - aber auch die anderen, mit denen wir im Gespräch sind - wird erklären müssen, ob sie diese Kennzeichen einer christlichen Kirche als solche ohne weitere Ergänzung akzeptieren kann.

Noch einmal soll Josef Ratzinger zu Wort kommen: "Wir sollten bei einer ökumenischen Begegnung nicht nur die Trennungen und Spaltungen beklagen, sondern Gott für alles danken, was er uns an Einheit erhalten hat und immer neu schenkt." - Gott für alles danken, was an Einheit (noch) vorhanden ist. Das ist ein gutes Motto, wie Christen - evangelisch, katholisch, orthodox - einander begegnen und in der Welt fröhlich ihren Glauben bekennen können. Dabei haben wir es dann nicht mehr nötig, den anderen auf unsere Seite ziehen zu wollen. In versöhnter Geschwisterlichkeit können wir in dieser Welt und für sie mit dem Apostel Paulus bekennen:

Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist,
welcher ist Jesus Christus.
1. Korinther 3,11

Montag, 7. Juli 2014

Vergebung und Versöhnung

Auch wenn in der letzten Zeit in meinem Blog über die Motorradfahrten die Beschreibung mehrer Touren erschien, ging das Studium doch fleißig weiter, so dass jetzt einiges in dieser Rubrik "Gedankensplitter" zu schreiben ist.

In diesem Post geht es mir um den Gedanken, dass für unser "Zurechtkommen" niemand etwas leisten oder ein Opfer bringen muss - nicht der Mensch, der es überhaupt nicht kann, aber auch  nicht Gott in Jesus Christus! Gott geht - das ist mein Glaubens- und Wissensstand - ganz andere Wege!

Jesus Christus gestorben für unsere Sünden ...

Das ist einer der Spitzensätze christlichen Glaubens und Denkens. Dazu kommen dann Formulierungen wie:
  • Er hat für uns genug getan!
  • Er ist ein Opfer für unsere Sünden!
  • Er hat Gott versöhnt!
Die Reihe lässt sich bestimmt fortsetzen. Seit ich am Karfreitag vor 5 Jahren über den Episteltext aus dem 2. Korintherbrief von Paulus gepredigt habe, sind mir diese und andere Sätze, die aber in die gleiche Richtung gehen, suspekt geworden. Der Apostel schreibt da:
Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. (2. Kor 5,19-21)

Lasst euch versöhnen mit Gott!

Das war damals der Satz, der sich bei mir festgesetzt hat. Nicht Gott muss versöhnt werden, sondern der Mensch! Nicht Gott hat ein Problem mit uns, umgekehrt: Wir haben ein Problem mit Gott! Wir wollen uns nicht einfügen in das Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf. Wir wollen unser Leben selbst in die Hand nehmen und bestimmen.

Buße, Gesetz, Genugtuung, Opfer, Satisfaktion, Sühne, Vergebung, Versühnung oder Versöhnung etc. 

All die genannten Begriffe spielen in unserem Zusammenhang eine Rolle. Das Problem ist aber, dass sie auch im juristischen Horizont einen Bedeutungsrahmen haben, der in den theologischen hineinschwappt (alle aufgeführten Zitate stammen aus Wikipedia; die Links verweisen darauf - alle abgerufen am 06.07.2014).
  • Buße (Verwaltungsrecht)
"Eine Buße (schweiz. Busse) ist eine Sanktion wegen Verfehlungen. - Im juristischen Sprachgebrauch ist die Buße oder das Bußgeld (auch Geldbuße) eine verwaltungsrechtliche Sanktion bei Ordnungswidrigkeiten. Eine Buße ist in der Regel bei weniger schweren Verstößen vorgesehen. Bei gravierenderen Verstößen greift in der Regel das Strafrecht, das meist durch den Strafrichter durchgesetzt wird."
"... Dem Prinzip des „do ut des“ folgend sollen numinose Mächte durch die rituelle Darbringung eines Gutes oder einer Leistung positiv beeinflusst werden. In dieser Weise entzog man den Opfergegenstand dem profanen Gebrauch und vernichtete ihn gewöhnlich, etwa durch das Verbrennen der Opfergabe, durch das „Brand- oder Ganzopfer“, ein Holocaustum."
"Satisfaktion (lat. satis ‚genug‘ und facere ‚tun, machen, betreiben‘, „Zufriedenstellung“, „Genugtuung“) ist ... die Wiedergutmachung eines Ehrdelikts mit geeigneten Mitteln bzw. die Verpflichtung, eine solche Genugtuung bei erfolgter Beleidigung einzufordern."
"Als Sühne (von ahd. suona „Gericht, Urteil, Gerichtsverhandlung, Friedensschluss”) wird der Akt bezeichnet, durch den ein Mensch, der schuldig geworden ist, diese Schuld durch eine Ausgleichsleistung aufhebt oder mindert."

Die hier beschriebenen "Sachverhalte" sind uns aus dem kirchlichen Umfeld wohl bekannt, legen aber alle nahe, dass Gott gegenüber etwas getan werden muss, damit das Verhältnis zu ihm wieder in Ordnung kommt. Die Lösung war dann (sehr verkürzt):
Weil der Mensch das nicht leisten kann, muss Gott in Jesus Christus diese Versöhnungsleistung selbst übernehmen und uns anrechnen. 
Diese Gedanken kulminieren in der sog. "Satisfaktionslehre", die sich in ersten Ansätzen beim Kirchenvater Tertullian findet, die dann aber maßgeblich von Anselm von Canterbury (1033–1109 n. Chr.) in seinem Werk Cur deus homo ausgebaut wurde. "Nach dieser Vorstellung ist der Tod Jesu als Sühnopfer nötig, um eine angemessene Wiedergutmachung für die Verletzung der Ehre Gottes zu leisten, die durch den Sündenfall der Menschen geschehen ist. Für Gott habe es nur die Alternative gegeben „entweder Strafe“ (aut poena), d. h. die Vernichtung der gesamten Menschheit „oder Wiedergutmachung“ (aut satisfactio) durch eine die Sünde aufwiegende Ersatzleistung. Damit die Ersatzleistung aber schwergewichtiger als die Menschheitssünde sein konnte, war es nötig, dass Gott selbst Mensch wurde, um nun - als selbst Sündloser - in der menschlichen Gestalt Jesu Christi sein Leben als satisfactio für die Sünden der Menschen dahin zu geben." (Wikipedia - Satisfaktionslehre (Link s.o.) - abgerufen am 06.07.2014)

Die zweite Seite von Buße, Gesetz, Genugtuung, Opfer, Satisfaktion, Sühne, Vergebung, Versühnung oder Versöhnung etc. 

Wie oben schon geschrieben: Seit dem Karfreitag 2010 ging ich davon aus, dass es noch ein anderes Verständnis geben muss. Lasst euch versöhnen mit Gott! Nicht Gott hat die Versöhnung nötig, sondern der Mensch! Solche und ähnliche Gedanken finden sich derzeit zu Hauf in der alttestamentlichen Vorlesung von Prof. Spieckermann und dem neutestamentlichen Seminar von Prof. Feldmeier. Was mich aber besonders fasziniert: Man entdeckt ähnliches, wenn man bei Wikipedia nachliest. 
"In der religiösen Bedeutung ist Buße die Umkehr des Menschen zu Gott, von dem er sich durch die Sünde entfernt hat. Dieser Begriff ist so unterschiedlich vom Alltagsgebrauch des Worts Buße, dass er fast im Gegensatz dazu steht."
"... Auch im alttestamentlichen Kult gibt es Sühnopfer. Die Gottesgemeinde Israels war sich aber dessen bewusst, dass menschliche Sühneleistungen die Versöhnung mit JHWH, ihrem Gott, nicht bewirken können, sondern ein Zeichen der Anerkennung der Schuld und der Bitte um Vergebung sind: Gott allein kann in seiner freien Gnade Versöhnung gewähren ..."

Ergänzend dazu kann man noch aus einem weiteren Artikel zitieren: 
"Von allen Opferriten und -praktiken der das Volk Israel umgebenden antiken Völker und auch heutiger nicht-jüdischer Religionen, auch des Christentums, waren die kultischen Prozesse im Stiftszelt und im Jerusalemer Tempel immer deutlich unterschieden. Die jüdische Bibel geht an keiner Stelle davon aus, dass Gott - oder die Menschen - die blutigen Opfer nötig hätte ... Das israelische Opfer war eine Art demokratischer Akt der Verbindung mit Gott. ... Überwiegend waren der Opferritus Freude und Verbundenheit mit Gott. ..." (Wikipedia - Sühnopfertheologie (Link s.o.) - abgerufen am 06.07.2014)

Sühne im Alten Testament

Wenn ich unsere beiden Professoren richtig verstanden habe, dienen die Opfer im AT in erster Linie dazu, dass der der Sünde verfallene Mensch in einem von Gott geschenkten Ritual wieder "Kontakt" mit Gott aufnehmen kann, der ihm dann seinerseits ohne Vorbedingung "Sühne" schenkt. Deshalb spiegelt der Opferritus in erster Line "Freude und Verbundenheit mit Gott" wieder, wie es die Autoren bei Wikipedia (Sühnopfertheologie) festhalten.

So faszinierend und einladend dieser Gedanke ist, es schwingt für mich beim Begriff "Sühne" im AT doch noch etwas vom "Loskauf" und von einer wie auch immer gearteten Leistung mit. Lässt man bei bibelserver.de nach dem Begriff "Sühne" suchen (Lutherbibel), so wird dieser Begriff 35-mal im AT gefunden. Und in den beiden ersten Bibelstellen heißt es:
Wenn du die Israeliten zählst, so soll ein jeder dem HERRN ein Sühnegeld geben, um sein Leben auszulösen, damit ihnen nicht eine Plage widerfahre, wenn sie gezählt werden. ... Und du sollst solches Sühnegeld nehmen von den Israeliten und es zum Dienst an der Stiftshütte geben, dass es sei für die Israeliten, zum gnädigen Gedenken vor dem HERRN, zur Sühnung für euer Leben. (2Mo 30,12.16)
In beiden Fällen wird im Hebräischen der für den Begriff der "Sühne" wichtigste Wortstamm כפר verwendet (vgl. Feldmeier, Spieckermann, Gott der Lebendigen, Tübingen 2011, S. 310 und S. 312). Dieser kommt auch vor, wenn es 4. Mose 35,31 (vgl. auch V 32) heißt:
Und ihr sollt kein Sühnegeld nehmen für das Leben des Mörders; denn er ist des Todes schuldig und soll des Todes sterben.
In den anderen Fällen, wenn der Begriff "Sühne" in den 5 Büchern Mose vorkommt, steht er in der Verbindung mit "schaffen": "Sühne schaffen ..." Bedingungen werden hier nicht genannt.

Im Zusammenhang der beiden Samuelbücher taucht im Deutschen zweimal der Begriff Sühne im Sinn von "bezahlen" auf. Die Philister sollen die erbeutete Lade mit einer "Sühnegabe" (אשם) zurückgeben (1. Samuel 6). Und David gibt den Gibeoniten, die Saul vernichten wollte, sieben Männer aus dem Hause Sauls, um Sühne zu schaffen (כפר), damit die Gibeoniten das "Erbteil des HERRN", also Israel, segnen (2. Sam 21,3). Die Männer aus dem Hause Sauls werden dann wegen der Verbrechen Sauls gehenkt.

Sühne im Neuen Testament

Sucht man im NT (Lutherbibel) nach dem Begriff "Sühne", so stößt man allein auf zwei Stellen, die dann aber auch die entscheidenden sind.
Den (Jesus) hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus. (Röm 3,25f)
Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes. (Hebr 2,17)

Der Hebräerbrief

Bleiben wir einen Moment beim Hebräerbrief. Wie in keiner anderen neutestamentlichen Schrift wird hier gesagt, dass Jesus als vermittelnder Hohepriester die sündigen Menschen durch seinen Tod vor dem Strafgericht Gottes bewahrt. Prof. Feldmeier hat dies mit einem Bild sehr eindrücklich beschrieben. Auf Seite 336 seines zusammen mit Prof. Spieckermann verfassten Buches "Gott der Lebendigen" verweist er auf das sog. "Rechtfertigungsbild" aus dem Heilsbronner Münster. Bei Wikimedia ist es zu finden.

By Foto: Andreas Praefcke (Eigenes Werk (eigene Fotografie)) or CC-BY-3.0, via Wikimedia Commons
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fb/Heilsbronn_M%C3%BCnster_Marienaltar_Rechtfertigungsbild.jpg
Mit voller Wucht tritt der Zorn Gottes zu Tage. Nur der Sohn Gottes kann mit dem Hinweis auf seine Wunden (seine rechte Hand öffnet quasi die Wunde in seiner Seite, die ihm durch die Lanze beigebracht worden war - kann man in der hohen Auflösung bei Wikimedia sehen) das richtende Schwert abfangen. Maria tritt noch hinzu und hält die Gläubigen scheinbar auf, bis der "Kampf" zwischen Vater und Sohn entschieden ist und das Schwert zu Boden gesenkt wird. Wenn man dieses Bild vor Augen hat, weiß man auch, was mit "Satisfaktion" gemeint ist.

In der Kirchengeschichte haben diese Vorstellungen eine lange Tradition und Wirkungsgeschichte gehabt. Die Kulttradition des Hebräerbriefes wurde dabei unterstützt durch die lateinische Wortwahl rund um den Begriff der "Buße". Der Ruf zur Buße war ein zentrales Moment in der Verkündigung Jesu. Dort wurde dann der griechische Begriff μετάνοια metanoia gebraucht. Der beinhaltet die Worte νοεῖν noein „denken“ und μετά meta „um“ oder „nach“. Somit hat Buße hier den Sinn von: „Umdenken, Sinnesänderung, Umkehr des Denkens“. (vgl. Wikipedia - Artikel Buße (Religion)) Ein Umschwung in der Bedeutung kommt, wenn man die lateinische Übersetzung betrachtet. Hier wird "metanoia mit paenitentia, „Reue, Buße“, übersetzt, häufig abgeschliffen zu poenitentia und unzutreffend abgeleitet von poena, „Strafe“!!!". (Wikipedia a.a.O.) 

Das "Verdienst" des Hebräerbriefes ist es, dass der Verfasser deutlich macht, dass es keine "billige Gnade" gibt, der letztendlich alles egal ist, weil sie ja doch jedem immer wieder verzeiht. Aber es bleibt die Frage, ob dies angesichts der liebevollen und vergebenden Zuwendung, die Menschen durch Jesus Christus erfahren haben - und der sagt von sich: "Ich und der Vater sind eins." (Joh 10,30) - , die dem Neuen Testament angemessene Redeweise von Gott ist.

Der Apostel Paulus

Betrachten wir deshalb noch einmal, was Paulus zum Stichwort "Sühne" im Römerbrief (3,25f) sagte:
Den (Jesus) hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.
Auch der Apostel nimmt die kultische Vorstellung von der Sühne auf. Aber wie das Sühnopfer im Alten Testament dem gefallenen Menschen die Möglichkeit zur Begegnung mit dem rettenden Gott eröffnet - Gott "verschafft" dem Opfernden durch das Blut des Opfertieres "Sühne", d.h. Gott bietet dem Sünder rituell die Möglichkeit, vor ihn zu treten - , so schenkt Gott nach dem Zeugnis des Apostels Paulus dem Glaubenden angesichts des Kreuzes Jesu Christi Vergebung der Sünden. Nicht der Zorn Gottes muss besänftigt werden, sondern Gott schenkt denen neues Leben, die in der Auferweckung des Gekreuzigten den Gott entdecken, der das Leben des gerechtfertigten Sünders will.

Vergebung der Sünden

Wenn man von diesem Stichwort aus einen Blick in das Alte Testament wirft, so erkennt man, dass auch schon hier viel von Gottes Liebe und Güte zu hören ist. Das machte Prof. Spieckermann u.a. in seiner Vorlesung am 13. Mai d.J. deutlich, als er uns Gottes Selbstvorstellung aus dem 2. Buch Mose nahe brachte:
... ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und von großer Güte und Treue ... (Ex 34,6)
Deutlich wird bei dieser Vorstellung: Auch der Gott des Alten Testaments ist ein "Backofen voller Liebe", wie es Luther einmal gesagt hatte. Jedoch lässt Gott nicht alles fahren und laufen. Das machte Spieckermann eindrücklich kenntlich, als er "langmütig" mit "langsam zum Zorn" wiedergab. Im Bild der menschlichen Liebe hielt er uns vor Augen, dass auch hier Liebe langsam in Zorn umschlagen kann, wenn vom geliebten Gegenüber keine oder verletzende Reaktion kommt. Und genauso führt es Gott dann auch im Buch Exodus im Anschluss an seine Selbstvorstellung aus:
... der Güte bewahrt den Tausenden, der Schuld, Frevel und Sünde vergibt, aber gewiss nicht ungestraft lässt, der (vielmehr) heimsucht die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, am dritten und am vierten Glied. (Ex 34,7 - Übersetzung von Prof. Spieckermann vorgelegt)
Während Opfer und Sühne eindeutig am Tempel lokalisiert sind, hat die Vergebung "wahrscheinlich als eine nicht an Opfer und Tempel gebundene Vorstellung der Sündenvergebung zunächst im Diasporajudentum an Bedeutung gewonnen" (Feldmeier, Spieckermann, Gott der Lebendigen S. 316). "Sie hat ihren Schwerpunkt in der Welt der nachexilischen Prophetie und des Gebetes, zwei Bereiche, die prinzipiell nicht gegen Kult und Tempel gerichtet sind, durchaus aber ihre eigenen theologischen Schwerpunkte und Zielsetzungen haben."  (Feldmeier, Spieckermann, Gott der Lebendigen S. 311) Gottes Vergebung ist und bleibt "angesichts der Schuldanfälligkeit und Schuldverfallenheit des Menschen das ganz und gar Unselbstverständliche" und der Mensch hat ganz bestimmt auch keinen Anspruch darauf (Feldmeier, Spieckermann, Gott der Lebendigen S. 316), aber diese Vergebung ereignet sich und der Beter kann mit den Worten des 130. Pslams vertrauensvoll bekennen: 
Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst - Herr, wer wird bestehen? Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte. Ich harre des HERRN, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort. Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen hoffe Israel auf den HERRN! Denn bei dem HERRN ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm. Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

Lasst euch versöhnen mit Gott

Damit komme ich noch einmal auf den Anfang dieser Überlegungen zurück. Jahr um Jahr am Karfreitag angesichts des Kreuzes Jesu Christi bittet uns der Apostel Paulus: Lasst euch versöhnen mit Gott! Was das für uns bedeutet, kann man wiederum mit einem Bildtypus deutlich machen, auf den Prof. Feldmeier und Prof. Spieckermann in ihrem Buch hinweisen (Seite 338). Gemeint ist die Darstellung des sog. "Gnadenstuhls". Dank des Hinweises von Prof. Feldmeier konnte ich in Fritzlar das dort ausgestellte Kunstwerk fotografieren.


Angesichts dieses Bildes lesen wir noch einmal aufmerksam die Botschaft des Apostels:
Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. (2. Kor 5,19-21)
Da ist kein richtender Gott, der Wiedergutmachung für die begangenen Sünden fordert. Da ist kein königlicher Herrscher, der Satisfaktion für eine Beleidigung fordert. Da ist der liebende Vater, der leidend seinen Sohn am Kreuz in den Händen hält, der das Kreuz aufgerichtet hat als das Zeichen der Versöhnung. Es ist genug mit Schuld und Vergeltung. Denn wohin das führt, können wir am Gekreuzigten sehen: in den Tod. Deshalb hat Gott seinen Sohn für uns zur Sünde gemacht, d.h. er zeigt uns, wohin ein gottloses und egoistisches Leben führt!

Aber Gott will nicht den Tod des Sünders! Deshalb hat er seinen Sohn von den Toten auferweckt und ihm ewiges Leben geschenkt. Dieses Leben - nicht allein in jener, sondern auch in dieser Welt - will Gott jedem unverdientermaßen schenken, der im gekreuzigten Gottessohn sein eigenen Leben und Sterben entdeckt und der sein Leben dann nach Gottes Verheißung und Gebot ausrichtet, der begreift und glaubt und hoffend darauf vertraut, dass Leben, wirkliches Leben nur bei dem zu finden ist, der uns alle ins Leben und uns bei unserem Namen gerufen hat.

Dass solch eine "Erkenntnis" der eigenen verlorenen Existenz und die daraus zu ziehenden Konsequenz, die uns mehr oder weniger zwangsläufig zu einem gottgefälligen Leben führt, nichts Selbstverständliches sind, das zeigt auf der einen Seite der Blick in unsere gottlose Gegenwart, wo eben nicht Gottes Wort das Leben bestimmt, sondern weiterhin politische Macht und global agierendes Kapital. Auf der anderen Seite macht das auch der Blick in die Gesichter der Figurengruppe deutlich (auch in andere Darstellungen dieses Motivs entdecke ich dies; vgl. die Sammlung bei Wikipedia und von dort weiter zu Wikimedia). Man könnte meinen, aus Gottes geneigter Kopfhaltung die Frage herauszulesen: "Werden sie es merken, meine Menschen? Werden sie es begreifen?"



Und selbst der Heilige Geist scheint sich, wenn man vor der Skulptur steht, eng an den Vater zu schmiegen, um angesichts des Gottlosigkeit in der Welt Halt zu finden.


Damit bekommen die mahnenden Worte des Apostels Paulus noch einmal besondere Bedeutung:

So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns; 
so bitten wir nun an Christi Statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

Und wenn die Menschen es nicht begreifen? Wenn sie Gottes Versöhnungsangebot nicht annehmen? Wenn sie weiterhin der Macht und dem Mammon hinterherlaufen? Wenn sie weiterhin Gottes gute Schöpfung ausbeuten bis aufs Letzte?

Dann sagt uns Gott durch den Apostel Paulus zu - und wir müssen es hinnehmen:

Es genügt dir meine Gnade,
denn meine Macht vollendet sich in der Schwachheit. 
(2. Kor. 12,9) 

Davon wird einer der nächsten Blogs handeln. 

Lizenz: CC-BY-3.0

Dienstag, 1. Juli 2014

Leben als Wegkunde

Leben als Wegkunde, so war die alttestamentliche Vorlesung von Prof. Spieckermann heute überschrieben. Es ging um einzelne Sentenzen aus dem Buch der Sprüche Salomos. Einige davon will ich hier mit den Kommentaren, so wie ich sie notiert haben, wiedergeben. Die Übersetzung hat uns Prof. Spieckermann vorgelegt.

Wirtschaftsordnung?


Prov 20,14
Schlecht, schlecht, sagt der Käufer,
  geht er fort, da rühmt er sich.

Es geht ums Feilschen auf dem orientalischen Markt. Der Händler setzt den Preis möglichst hoch an, um Spielraum nach unten zu haben, der Käufer denkt genau anders herum. Irgendwo in der Mitte treffen sie sich, so dass jeder zufrieden sein kann, der Händler mit seinem Gewinn, den er gemacht hat, der Käufer mit dem Produkt, das er zu einem für ihn annehmbaren Preis erworben hat. 

Was hat dies mit dem göttlichen Umfeld zu tun, von dem die Bibel sonst berichtet? Es geht darum, in das Chaos eine Ordnung zu bringen - Schöpfung: die Erde war wüst und leer ... und Gott sprach ... -, einen Spielraum zu erkunden. Der Handel ist ein Paradigma, wie Leben organisiert sein und funktionieren kann. Leben hat dabei etwas mit Ordnung und Sinn zu tun, die aber nicht in Stein gemeißelt sind. Diese Ordnung muss flexibel bleiben, so dass beide mit dem, was ausgehandelt wurde, leben können. 

Das ist auch nach Gottes Willen.

Mit sind heute - 02.07. - noch ein paar "Sentenzen" auf der Gegenwart eingefallen. Die Werbefachleute können es noch kürzer als die Weisen des Alten Testament:
  • Geiz ist geil!
  • Ich bin doch nicht blöd!
  • Du darfst!
  • Das bin ich mir wert!
  • Das gönn ich mir!
Aber natürlich ist unsere konsumorientierte Welt auch zu längeren Sätzen fähig:
  • Schnäppchenjäger aufgepasst! Hier sparen Sie bis zu 75%!
  • Jeder ist sich selbst der Nächste - dann ist jedem geholfen.
  • Brot für die Welt - aber die Wurst bleibt hier
Ich les dann doch lieber in der Bibel weiter:

Prov 16,11
Rechte Stand- und Handwaage gehören YHWH,
  sein Werk sind alle (Gewichts-)Steine im Beutel.

Wir bleiben beim Geschäft. Die Mittel des Handelns gehören YHWH. Die flexiblen Ordnungen des Handels sollen nicht ausgenutzt werden. YHWH wacht darüber, dass die Spielregeln des Handelns nicht überstrapaziert werden. Er hat die Eigentümerschaft über den fairen Handel, damit keiner den anderen durch falsche Waage oder falsches Geld betrügt. 

Dabei wissen die Weisen, dass es Arm und Reich gibt in der Welt, und sie wollen es auch nicht ändern. Aber der Reiche darf nicht verächtlich auf den Armen herabschauen.

Prov 17,5a
Wer über einen Armen spottet, schmäht seinen Schöpfer;
  wer sich über Unglück freut, bleibt nicht ungestraft. 

Gott hat Arme und Reiche geschaffen. Wenn der Reiche nicht akzeptiert, dass auch er Geschöpf Gottes ist, wenn er sich als etwas Besseres betrachtet, wenn er verspottet, verschmäht, beleidigt, dann richtet er sich gegen Gott selbst und wird von den Weisen scharf kritisiert.

Bei diesen Sprüchen hatte ich unsere heutige Zeit vor Augen. Wie einfach würde unsere Wirtschaftsordnung funktionieren, wenn diese einfachen Spielregeln beachtet würden. Jeder muss mit dem, was ausgehandelt wird, leben - wirklich LEBEN !!! - können; die, die das Kapital haben, und die, die es sich verdienen müssen. Eine flexible Ordnung, mit der wir aber auch zufrieden sein können. (zur blind agierenden justitia vgl. unten das Zitat von Lapide und von Weizäcker)

Weisheit und Verstand


Prov 17,24
Vor dem Verständigen ist Weisheit,
  doch die Augen des Toren sind am Ende der Erde.

Weisheit ist nicht eine Frage des Wissens oder wie viel ich weiß, Weisheit ist eine Frage des Interesses. Es geht um die Offenheit, etwas zu lernen. Weil alles mit der ordentlichen und ordnenden Sphäre Gottes verbunden, deshalb kann man Zusammenhänge erkennen - nicht immer alles, aber doch das eine oder das andere, und das ist wichtig. 

Die Toren wollen das Ganze sehen, wollen bis an den Rand der Welt gehen, alles auskosten - aber das Ganze ist allein Gottes Sache. 

Dazu fiel mir dann ein Weisheitsspruch aus einer früheren Vorlesung (20.05.14) ein. Die Zeilen stammen aus der königlichen Hofschule und wurden dem königlichen Nachfolger mit auf den Weg gegeben. Besonders fasziniert hat mich da die letzte Zeile, dass "vollkommene Rede", Weisheit bei den "Mägden am Getreidereibstein" zu finden ist, wenn die, wie es Prov 17 sagt, verständig sind.

Sei nicht eingebildet auf dein Wissen
und verlasse dich nicht darauf, dass du ein Weiser seist,
sondern berate dich mit dem Unwissenden wie mit dem Wissenden.
Die Grenze der Kunst ist nicht erreicht, 
und da ist kein Künstler, dessen Meisterschaft vollendet ist.
Vollkommene Rede ist verborgener als Malachit*,
und doch findet man sie bei den Mägden am Getreidereibstein.
(Ptahhotep (Ägypten), 1. Maxime, Z. 52-59, um 2000 v. Chr.)
* Ein Malachit ist ein wertvoller Stein in damaliger Zeit.

Weisheit und YHWH


Prov 15,8-10
Das Opfer der Frevler ist Greuel Yhwhs,
  aber das Gebet der Geradsinnigen hat sein Wohlgefallen/ist sein Wille.
Greuel Yhwhs ist der Weg des Frevlers,
  er liebt den, der der Gerechtigkeit folgt.
Schlimme Züchtigung dem, der den Pfad verlässt,
  wer Zurechtweisung hasst, wird sterben.

Der Weise weiß, dass auch die Frevler vor Gott treten und ihm opfern. Sie wollen Gott mit ihrem Opfer zwingen. Damit finden sie aber keinen Wohlgefallen vor ihm, selbst wenn das Opfer etwas wert war. Dagegen setzt der Weise: ein Gebet aus tiefer Hingabe ist mehr wert als jedes Opfer. Wer aber in solch einem Wort eine Kritik an gängiger Opferpraxis sieht, der greift zu kurz. Ein Opfer mit der rechten Einstellung, das ist Gott wohlgefällig. 

In der zweiten Sentenz geht es um den Weg, der in Gottes Augen wohlgefällig ist. Das ist der Weg, der mit der Gerechtigkeit verbunden ist. Doch was ist darunter zu verstehen? Eine sehr schöne Definition habe ich bei Wikipedia gefunden: "Der Begriff der Gerechtigkeit ... bezeichnet einen idealen Zustand des sozialen Miteinanders, in dem es einen angemessenen, unparteilichen und einforderbaren Ausgleich der Interessen und der Verteilung von Gütern und Chancen zwischen den beteiligten Personen oder Gruppen gibt." (http://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeit - abgerufen am 01.07.2014)

Das erinnert doch stark daran, dass Prof. Spieckermann im Zusammenhang der ersten Sentenz aus der Geschäftswelt von Ordnungen sprach, die nicht in Stein gemeißelt sind, sondern die immer wieder austariert werden müssen, aber so, dass jeder damit leben kann. Ein Satz aus einem Gespräch von Pinchas Lapide und Carl Friedrich von Weizsäcker, den ich ebenfalls bei Wikipedia fand, ergänzt diese Sicht: Die Gerechtigkeit "bezeichnet all unser Wohltun, vom Almosengeben bis zur Selbsthingabe für den Nächsten als etwas, was diesem Nächsten gebührt und mit dessen Erfüllung wir nur das getan haben, was unsere Pflicht vor Gott ist. […] Eine lieblose, blinde mit verbundenen Augen agierende Gerechtigkeit wäre auf hebräisch ein Selbstwiderspruch, während zedaka, juridisch gesehen, eine Ungerechtigkeit zugunsten der Armen ist.“ (Pinchas Lapide, Carl Friedrich von Weizsäcker: Die Seligpreisungen – Ein Glaubensgespräch. Calwer-Kösel, Stuttgart/München 1980, S. 72.; zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/Gerechtigkeit#Gerechtigkeit_in_den_Religionen, vgl. Anmerkung 41 - abgerufen am 01.07.2014) 

Wie ernst es dem Weisen ist, dass der Mensch den Weg der Gerechtigkeit geht, das macht die letzte Sentenz deutlich. Fast zwingend heißt es, dass der Mensch auf Gottes Weg bleiben muss, auch wenn er ihn nicht kennt, wenn er nicht weiß, wohin er führt. Aber dazu hat Gott uns den Verstand gegeben, dass wir den Weg erforschen, dass wir uns beraten, dass wir uns selbst zurechtweisen lassen. Diesen Weg zu beschreiten in Gerechtigkeit - Wohlordnung für alle Menschen - das ist in Gottes Augen gut. Man muss sich nicht alles selbst ausdenken. Man kann lernen, den Weg zu gehen. Wer diesem Weg nicht geht, dessen Weg führt in den (intellektuellen) Tod.
Prov 21,21
Wer Gerechtigkeit und Güte verfolgt,
  wird Leben, Gerechtigkeit und Ehre finden.

Montag, 16. Juni 2014

Jeder Gottesdienst setzt Emotionen frei ...

Diesen Satz aus dem Aufsatz von Sönke von Stemm / Karlo Meyer: Gottesdienste, in:  Th. Böhme-Lischewski u.a. (Hg.). Konfirmandenarbeit gestalten (Konfirmandenarbeit erforschen und gestalten 5), Gütersloh 2010, hatte ich zwar in der Vorbereitung markiert, ihm dann aber keine weitere Beachtung geschenkt.

Professor Schröder nahm den Satz auf und erläuterte ihn am Beispiel Ostern. "Wenn ich aus einem Ostergottesdienst mit Trauermiene komme, dann sollte der Gottesdienstverantwortliche überlegen, was schiefgegangen ist." Offensichtlich kommen Menschen mit einer besonderen Erwartung in einen Gottesdienst, und dieser Erwartung sollte auch entsprochen werden.

Ich erinnere mich an einen eigenen Gottesdienstbesuch zum 1. Advent. Es war in der Studienzeit, also in "grauer Vorzeit". Aber vergessen habe ich das Erlebnis auch nach diesen vielen Jahren nicht. Ich wollte zum Beginn des Kirchenjahres einen schönen Gottesdienst mit den vertrauten Adventsliedern und mit passenden Gedanken in der Predigt erleben. Der Pastor stellte aber die neuen Antependien (Stoffbehang) für den Altar und für Kanzel und Lesepult vor. Die Gemeinde hatte die Tücher das erste Mal in Gebrauch. Das entsprach nun überhaupt nicht meiner Erwartung. Damit war dieser 1. Advent gelaufen.

Ich erzähle diese Geschichte hier, weil ich in der Vergangenheit offensichtlich auch nicht immer die Emotionen meiner Gemeindeglieder getroffen bzw. bei den Überlegungen zur Predigt berücksichtigt habe. Insbesondere im Anklang an alttestamentliche Prophetentexte habe ich meine Gottesdienstgemeinde immer wieder mit der politischen Wirklichkeit konfrontiert und darauf hingewiesen, dass vieles in unserer Gesellschaft aus dem Ruder gelaufen ist. Wenn daraus dann beispielsweise am 1. Advent (!) eine Gerichtspredigt wird verbunden mit deutlichen Hinweisen auf das Verhalten von Konfirmanden, dann fühlten sich einige aus der Gemeinde auch nicht da abgeholt, wo sie waren.

Unabhängig vom Seminarthema will ich versuchen, in Zukunft diesen Satz zu beherzigen:

"Jeder Gottesdienst setzt Emotionen frei ..."

Mittwoch, 11. Juni 2014

Transatlantisches Freihandelsabkommen - man sollte es verhindern!

In diesem Post geht es nicht um Gedanken, die ich mir im Zusammenhang mit dem Studium gemacht habe. Es geht um einen Artikel aus der Wochenzeitung "Die Zeit" vom 05.06.2014 zum Thema "Transatlantisches Freihandelsabkommen" (abgekürzt: THIP = Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft; gebräuchlicher ist die englische Abkürzung TTIP = Transatlantic Trade and Investment Partnership). Der Autor Jens Jessen titelt "Eine Wahnsinnstat" und hält gleich in der Einleitung die Worte fest, die ich für die Überschrift dieses Posts von ihm zitiert habe: "Man sollte es verhindern!"

Jessen weist in den einführenden Sätzen darauf hin, dass das Freihandelsabkommen in einer breiten Öffentlichkeit von "Medien, Stammtische(n), Parlamente(n)" kritisch diskutiert wird.

Nachtrag am 4. Januar 2015: Ich habe diese Seite bei https://www.campact.de/ (Demokaratie in Aktion) gefunden: 
http://blog.campact.de/2014/11/warum-ttip-kein-spass-fuer-merkel-ist/

Und offensichtlich läuft zwischen den Staaten noch eine ganz andere Sache still und heimlich leise ab. Schon mal was von TISA gehört? Ich bis vor ein paar Tagen noch nicht! Hier ist der erste Infolink: 
http://blog.campact.de/2014/06/tisa-was-geht-hier-ab/

TTIP in der Heute Show

Im Folgenden stelle ich einmal - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - einige Links zu Youtube-Ausschnitten aus der "Heute Show" zusammen, in denen das Thema auf satirische Weise verhandelt wurde:

Freihandelsabkommen mit den USA - Von Chlorhühnchen und Antidemokraten
Veröffentlicht am 25.01.2014

ZDF "heute show" über Freihandelsabkommen (TTIP); Gen-Mais
Veröffentlicht am 21.02.2014

NSA und TTIP - heute show mit Oliver Welke 09.05.2014 - die Bananenrepublik
Veröffentlicht am 09.05.2014 - starten bei 3 Minuten

TTIP und Drohnen lügen nicht - heute show 02.05.2014 - die Bananenrepublik
Veröffentlicht am 02.05.2014 - starten bei 4 Minuten 30 Sekunden

Infos aus Wikipedia

Informiert man sich bei Wikipedia über das Thema "Transatlantisches Freihandelsabkommen", so findet man gleich in der einleitenden Zusammenfassung diese Hinweise: "Das geplante Abkommen wird von Teilen der Politik, Journalisten, Verbraucherschutz- und Umweltschutzorganisationen sowie Nichtregierungsorganisationen massiv kritisiert." ... "Das Abkommen wurde als „undemokratisch“, als „unvereinbar mit demokratischen Prinzipien“ und als „Unterwerfung“ der Teilnehmerstaaten unter Konzerninteressen bezeichnet." (Wikipedia, Artikel "Transatlantisches Freihandelsabkommen"; Link s.o.; abgerufen am 11.06.2014)

Des Pudels - TIPPs - Kern

Zurück zum Artikel aus der "Zeit". Nachdem Jens Jessen auf die Probleme hingewiesen hat, die das Abkommen im Blick auf die europäische Kulturlandschaft haben kann - Film, Buchmarkt, Theater, Oper, Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Hochschulen etc. - kommt er zum eigentlichen Kernpunkt seines Artikels. Er legt offen, dass es in dem Abkommen darum geht, die ausländischen Investoren davor zu schützen, dass ihnen Gewinne entgehen, wenn in den beteiligten Ländern Regelungen getroffen werden, die die Gewinne der Unternehmen schmälern. Dabei macht er deutlich, dass nicht einseitig Amerika Vorteile für sich heraus schlägt, sondern dass mit dem Abkommen beispielsweise europäische Finanzdienstleister gegen die strengeren amerikanischen Regeln zur Bankenaufsicht und Börsenkontrolle angehen könnten. Jessen stellt dann fest: "Es handelt sich um einen Vertrag, den das internationale Kapital zulasten der nationalen Demokratien abschließen will."

"Satanische Bestimmung"

Wenn Jessen auf solch negative Begrifflichkeit aus dem religiösen Sprachschatz zurückgreift, dann wird die Tragweite des angestrebten Vertrages deutlich. Gemeint sind die Bestimmungen, die schon getätigte Investitionen vor kommenden Regulierungen schützen sollen. Was gemeint ist beschreibt Jessen so: "Sollte ein nationales Parlament Gesetze beschließen, einen Mindestlohn beispielsweise oder eine Umweltauflage, die geeignet wären, die Gewinnerwartung des Investors zu schmälern, müsste der betreffende Staat dem Investor den entgangenen Profit ersetzen." Neben dieser Tätigkeit des Gesetzgebers könnten beispielsweise auch Tarifverhandlungen geeignet sein, die erwartete Rendite zu schmälern. Alles das, was früher "unternehmerisches Risiko" genannt wurde - so Jessen - würde auf den Steuerzahler abgewälzt werden. Die Schiedsgerichte, die Streitigkeiten regeln sollen, brächten nach Meinung des Autors auch keinen Vorteil, weil sie keiner staatlichen Kontrolle unterworfen sind.

In Stein gemeißelt

Wahrhaft "satanisch", um den Begriff von Jessen aufzunehmen, wird das Abkommen dadurch, dass die einmal getroffenen Vereinbarungen des Abkommens offensichtlich dauerhaft gelten sollen. Bei Wikipedia ist zu lesen, dass "jede einzelne Bestimmung nur mit Zustimmung sämtlicher Unterzeichnerstaaten geändert werden könnte, sobald der Vertrag in Kraft getreten sei". Genau an diesem Punkt setzt die Kritik der "Grünen" an, die Klauseln wünschen, "die den Mitgliedstaaten erlauben würden, auch nach Inkrafttreten des Vertrags daraus aussteigen zu können" (Spiegel online; abgerufen am 11.06.2014).

Sollten solche Klauseln nicht im Vertrag stehen - die Bundesregierung betrachtet sie als überflüssig (Spiegel online am genannten Ort) - müsste in Zukunft jegliche nationale Gesetzgebung darauf geprüft werden, ob sie dem "Geist" von TTIP zuwider laufen könnte. Entweder nähme man das billigend in Kauf und plante grundsätzlich Finanzmittel in die öffentlichen Haushalte ein, die Investoren zugesprochen werden, wenn diese ihre Gewinnerwartung geschmälert sähen, oder es würden nur noch Gesetze beschlossen, die den Investoren nicht "weh tun". Von Tarifverhandlungen, wo es um Arbeitsplätze geht, will ich gar nicht reden.

NEIN!

Unter den geschilderten Voraussetzungen ist es mir gänzlich unverständlich, wie die deutsche Regierung sich ernsthaft für weitere Verhandlungen einsetzen kann, zumal Sigmar Gabriel noch im Oktober 2013 im Brustton der Überzeugung erklärte, dass es für ihn "schwer denkbar" wäre, über ein Abkommen zu verhandeln, wenn die "Freiheits- und Persönlichkeitsrechte der Bürger in Europa" gefährdet sind (vgl. Youtube-Video der Heute Show vom 09.05.2014; s.o.). Was, bitte schön, muss denn noch an die Öffentlichkeit kommen, bis endlich jemand die Notbremse zieht und alles auf Eis legt?

Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.

Zum Schluss kommt dann doch noch einmal der Pastor Ralf Krüger zu Wort. Die ganze Zeit muss ich an die biblische Geschichte denken, wo Jesus angeboten wird: "Das alles - die Reiche dieser Welt - will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest." (Mt 4,9) Auch uns, den Bürgern, den Politikern, den Wirtschaftsfachleuten, allen die an der Diskussion beteiligt sind, wird viel angeboten: Arbeitsplätze, Wohlstand, Freiheit im Warenaustausch, Fortschritt, Überwindung von Grenzen etc. Aber wer bietet es uns an? In der biblischen Geschichte war es der Versucher, der Satan, der, der uns von Gott wegbringen will.

Breite Ablehnung

Jens Jessen lehnt das Freihandelsabkommen in der jetzigen Form ab, weil er die Demokratie bedroht sieht. Wenn die uns "etwas wert ist", so schreibt er, "müssten wir auch bereit sein uns von einem Freihandel, der sie bedroht, abzuwenden und eine Freiheit in Armut zu wählen". Ich füge hinzu, ein Abkommen, das zukünftige Generationen knebelt und jegliche Entscheidung dann von finanziellen Erwägungen abhängig macht, hat nichts, aber auch überhaupt nichts mit Freiheit zu tun, es ist im wahrsten Sinn den Wortes "satanisch" und wird uns letztendlich versklaven.

Gibt man bei der Google-Suche ein "ttip freihandelsabkommen", so findet man auf der ersten Seite unter den 13 Suchergebnissen 6 Beiträge, die auf den ersten Blick dem Abkommen kritisch gegenüberstehen.

  • TTIP Abkommen stoppen - campact.de‎
  • Transatlantisches Freihandelsabkommen – Wikipedia
  • Teilnehmen - Stoppt TTIP - Campact
  • Transatlantisches Freihandelsabkommen - Spiegel Online
  • TTIP - European Commission
  • TTIP - Elefantenhochzeit für Freihandel stoppen - Attac
  • Vor Europawahl: Freihandelsabkommen TTIP im Faktencheck
  • Mitmachen: TTIP verhindern | Umweltinstitut München
  • Freihandelsabkommen: Internes TTIP-Papier der Union ...
  • TTIP: EU-Kommissar sieht durch Freihandel keine Gefahr ...
  • TTIP: Ein globaler Erpressungsversuch
  • Gegen Transatlantisches Freihandelsabkommen Bündnis ...
  • TTIP: Störfeuer gegen das Handelsabkommen - FAZ.net

Letztendlich bleibt nur zu hoffen, dass das Abkommen in der jetzigen Form zu Fall gebracht wird wie das als Vorläufer angesehene "Multilaterale Investitionsabkommen", das bereits in den 1990er Jahren auf erhebliche Widerstände stieß und schließlich am Widerstand Frankreichs scheiterte (vgl. den Hinweis bei Wikipedia am genannten Ort).