Mittwoch, 4. Juni 2014

Gott Vater Sohn und Heiliger Geist ...

In den vergangenen Wochen hatten wir im Seminar von Prof. Feldmeier mehrere Bibeltexte besprochen. Mit diesem Beitrag will ich auch für mich selbst versuchen, eine Linie zu zeichnen. Diese werde ich in der nächsten Zeit noch erweitern bzw. neu bedenken. Ich werde auch die eine oder andere Literaturangabe noch ergänzen. Die Überschriften stammen teils aus der Struktur des Seminars, teils habe ich sie selbst gesetzt. Bei den Bibeltexten handelt es sich durchaus um bekannte Texte aus der Heiligen Schrift, die aber durch das Seminar aus dem mir bisher geläufigen Kontext in ein besonderes Licht gerückt werden.

Heute, am Samstag vor Pfingsten, ergänze ich noch ein paar Gedanken aus der letzten Seminarstunde. 

  • Wer ist Gott? 
  • Was macht sein Wesen aus? 
  • Wie sollen wir ihn nennen?
  • Was macht er mit uns ...
  • ... und wir mit ihm?


Gotteserkenntnis

1.Korinther 8,1-6

1 Was aber das Götzenopfer angeht, so wissen wir, dass wir alle die Erkenntnis haben.
Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe baut auf.
2 Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, der hat noch nicht erkannt, wie man erkennen soll.
3 Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.
4 Was nun das Essen von Götzenopferfleisch angeht, so wissen wir, dass es keinen Götzen gibt in der Welt und keinen Gott als den einen. 5 Und obwohl es solche gibt, die Götter genannt werden, es sei im Himmel oder auf Erden, wie es ja viele Götter und viele Herren gibt,

6 so haben wir doch nur "einen" Gott, den Vater,
von dem alle Dinge sind und wir zu ihm;
und "einen" Herrn, Jesus Christus,
durch den alle Dinge sind und wir durch ihn.

7 Aber nicht jeder hat die Erkenntnis.

Gott ist einer

In diesem Text geht es um die monotheistische Aussage und um das "Wissen", dass Gott "einer" ist und es neben ihm keine anderen Götter gibt. Dieses "Wissen" teilen die Christen mit den Juden - Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. (Dtn 6,4) -, aber auch mit Teilen der heidnischen Umwelt. So können beispielsweise Cisero oder Plutarch auch von einem höchsten Gott als Inbegriff des Seins sprechen (Feldmeier, Spieckermann, Gotteslehre, S. 109).

Wie kommt Paulus nun zu der Aussage, dass Gott einer ist. Er greift in diesem Text auf das sog. Schma Jisrael (Dtn 6; s.o.) und auf den Gedanken der Schöpfung zurück:
  • ein Gott, von dem alle Dinge sind ...
Bemerkenswert ist, dass dieser Gott "Vater" genannt wird. Auf diesen Gott, den Vater, ist die Gemeinde ausgerichtet. In seinem "Herrschaftsbereich" - oder anders: entsprechend seinem "Herrschaftsbereich" lebt sie.

Und die Gemeinde hat
  • einen HERRN, nämlich Jesus Christus ...
durch den alles - die Welt - geschaffen ist - und auch die christliche Gemeinde, die "neue Schöpfung".

Bewusst habe ich "Christus, der HERR" in Großbuchstaben geschrieben. Denn Paulus verwendet hier das gleiche Wort - Kyrios -, das im griechischen Alten Testament für Gott selbst steht. Diesen Namen Gottes - und damit auch sein Sein - überträgt die erste christliche Gemeinde auf Jesus Christus. Er ist HERR, er ist Kyrios (vgl. den nächsten Abschnitt "Gottes Namen und Identität").

Für die christlichen Gemeinden - neben Korinth auch in Rom - ergab sich nun die Frage, wie mit Fleisch umzugehen wäre, das zuvor heidnischen Göttern geweiht bzw. geopfert worden war. Durften Christen dieses Fleisch dann guten Gewissens verzehren? ES gab allerdings auch kein anderes.

Vordergründig könnte man schlussfolgern: Wenn das Fleisch den sog. "Göttern"  geweiht oder geopfert wird, dann hat das für die christliche Gemeinde keine Relevanz, weil es diese anderen "Götter" gar nicht gibt. Deshalb kann das Fleisch auch bedenkenlos verzehrt werden - es gab ja schließlich in den Städten auch keine anderen Bezugsquellen.

Paulus bremst seine eifrigen Gemeindeglieder. Er stellt der "Erkenntnis", dem "Wissen", die Liebe gegenüber. Wie im 13. Kapitel sagt er, dass reines Wissen ohne Liebe, so richtig das Wissen auch ist, nicht die Gemeinde aufbaut. Muss es heißen:

  • ein Gott, der Vater
  • ein Herr, Jesus Christus
  • eine Gemeinde ... ???

Und noch ein Gedanke ist wichtig: Christlicher Glaube ist niemals reines Wissen. Christlicher Glaube hat immer etwas mit einer Beziehung zu tun: "Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt." (V 3) Mit anderen Worten: der menschlichen Liebe zu Gott geht immer voraus, dass Gott den Menschen erkennt, dass er ihn liebt, dass er ihn in seinen Herrschaftsbereich ruft.

Gott erhöht

Philipper 2,6-11

Der in Gottesgestalt war,
hielt nicht fest wie einen Raub, Gott gleich zu sein,
sondern entleerte sich selbst,
Sklavengestalt annehmend.
Den Menschen gleich geworden
und der Erscheinung nach empfunden als ein Mensch.
erniedrigte er sich selbst,
sich gehorsam zeigend bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz.

Deshalb hat ihn auch Gott über alle Maßen erhöht,
und hat ihm den Namen, der über jedem Namen ist, geschenkt,
Damit unter Anrufung des Namens Jesu
sich jedes Knie beuge der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen
und jede Zunge bekenne:
"HERR ist Jesus Christus" zur Ehre Gottes des Vaters.

In einem wunderbaren Aufbau beschreibt dieser alte Hymnus aus der ersten Christengemeinde, was es mit Gott und mit Christus auf sich hat. Ich habe versucht, mit Farben deutlich zu machen, was sich aufeinander bezieht.

  • Die spätere dogmatische Aussage über Jesus Christus "wahrer Mensch und wahrer Gott" beschreibt Paulus in diesen Zeilen: ... er war in Gottesgestalt! Vor aller Zeit!? Von Ewigkeit ...!? Der Evangelist Johannes schreibt viele Jahre später: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Dasselbe war im Anfang bei Gott." (Joh 1,1f)
  • Christus hält diese "Gottesgestalt" nicht fest, er klammert sich nicht daran. Wäre das dann ein "Raub", etwas Unrechtmäßiges, etwas, was ihm nicht zustünde?
  • Christus entleert, entäußert sich seiner Gottesgestalt, er wird ein Mensch, mit allen Konsequenzen bis hin zum grausamen Kreuzestod. 

Hier hört die "Aktivität" Christi auf. Gott übernimmt das "Ruder".

  • Gott erhöht den Gekreuzigten über alle Maßen, er setzt ihn nicht nur ein in den alten Stand, er schenkt ihm mehr. 
Gott kann es haben, den neben sich (über sich ?) zu setzen, der sich selbst der Gottesgestalt entleerte, der Sklavengestalt annahm, der am Kreuz gestorben ist. Gott ist sich dessen nicht zu schade.

  • Gott gibt dem Gekreuzigten den Namen, der über allen Namen steht (vgl. Hebr 1,4: ... und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name.)

Welcher Name ist der höchste? Welcher steht über allen anderen? Geheiligt werde dein Name ... Du sollst den Namen des HERRN, deine Gottes, nicht unnützlich führen ... Gottes Name? Der HERR? Der Kyrios?

  • In der Anrufung dieses Namens beugen die ihre Knie, deren Gestalt der angenommen hatte, der in Gottesgestalt war. 
  • Und sie rufen: Jesus Christus ist der HERR, ist der Kyrios, trägt den Namen, der über allen steht.

Dass der, der sich selbst der Gottesgestalt entleerte, der Sklavengestalt annahm, der am Kreuz gestorben ist, dass der der HERR ist, dass der der Kyrios ist, dass der den Namen trägt, der über allen ist, das geschieht zur Ehre Gottes - und der ist der Vater.

Christus unterwirft

Wen? Den Menschen? Den Sünder? Ist Christus der “Neugierigste, Über-Zudringlichste”, der “in meine schmutzigsten Winkel” kriecht (Nietzsche)? (Feldmeier, Gottesliebe und Gotteslehre. Hinführung, S. 10) 

Nein! "Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod." Warum der Tod? Weil die Sünde ihn missbraucht: "Gott ist eifersüchtig. Gott enthält euch etwas vor. Holt heraus, was herauszuholen ist. Koste es, was es wolle. Ihr habt nur dieses eine Leben. Ihr werdet sein wie Gott!"

Erst im Licht der Auferstehung wird deutlich, dass Gott den Menschen nicht als Richter begegnet, der sie bei ihrem Versagen behaftet, sondern als der, der sie neu in die Nachfolge beruft. (Feldmeier, Gottesliebe und Gotteslehre. Hinführung) "Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!" Offb. 21,4f)

1. Korinther 15,21-28 - ... damit Gott sei alles in allem

20 Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten als Erstling unter denen, die entschlafen sind. 21 Denn da durch "einen" Menschen der Tod gekommen ist, so kommt auch durch "einen" Menschen die Auferstehung der Toten. 22 Denn wie sie in Adam alle sterben, so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.

23 Ein jeder aber in seiner Ordnung: als Erstling Christus; danach, wenn er kommen wird, die, die Christus angehören; 24 danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt vernichtet hat. 25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm »alle Feinde unter seine Füße legt« (Psalm 110,1).

26 Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. 27 Denn »alles hat er unter seine Füße getan« (Psalm 8,7). Wenn es aber heißt, "alles" sei ihm unterworfen, so ist offenbar, dass der ausgenommen ist, der ihm alles unterworfen hat.

28 Wenn aber alles ihm untertan sein wird, dann wird auch der Sohn selbst untertan sein dem, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott sei alles in allem.

In diesem Geschehen sind Gott der Vater und Gott der Sohn aufeinander bezogen. Keiner kann in seinem Sein ohne den anderen erkannt werden. Der Vater ist es, der den sich selbst erniedrigenden Sohn erhöht, ihn quasi an seine eigene Stelle oder sogar darüber hinaus setzt - über alles Maßen erhöhen, den Namen geben, der über allem steht. Darin erweist der Vater auch seine Macht. Und der Sohn seinerseits usurpiert jetzt nicht diese Macht, sondern er gebraucht sie, um schließlich dem Vater alles zu unterwerfen und alles zu übergeben. Damit dies nicht allein ein "innergöttliches" Spiel zwischen Vater und Sohn ist, tritt der Heilige Geist dazu, der die Gläubigen in diesen Prozess hinein nimmt. Erniedrigung und Erhöhung geschieht uns zu Gute. Und wir sollen entsprechend diesem Prozess unser Leben in Liebe zu Gott und dem Nächsten gestalten. 

Diese Gedanken werden in der Theologie- und Dogmengeschichte zusammengeführt in der Rede von der Dreieinigkeit oder Dreifaltigkeit Gottes: Ein Gott, drei Wirk- oder Erscheinungsweisen. 

Was wissen wir bisher?

  • Gott ist einer! 
  • Gott ist der Vater!
  • Jesus Christus war in Gottesgestalt, der er sich entleerte. 
  • Jesus Christus nahm Sklavengestalt an, wurde ein Mensch, starb am Kreuz.
  • Gott erhöht Jesus Christus über die Maßen!
  • Gott gibt Jesus Christus den höchsten Namen.
  • Alle bekennen dies: Jesus Christus ist der HERR, ist Kyrios!
  • Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod.
  • Und das alles gereicht Gott zur Ehre!

Was bedeutet das für uns?

  • Die Erkenntnis bläht auf; aber die Liebe baut auf. 
  • Wenn jemand meint, er habe etwas erkannt, der hat noch nicht erkannt, wie man erkennen soll. 
  • Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt. 

Gottesliebe - Menschenliebe

Markus 12,28-34

28 Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten, der ihnen zugehört hatte, wie sie miteinander stritten. Und als er sah, dass er ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: Welches ist das höchste Gebot von allen?

29 Jesus aber antwortete ihm:
Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,
30 und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt 31 Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18).
Es ist kein anderes Gebot größer als diese.

32 Und der Schriftgelehrte sprach zu ihm:
Meister, du hast wahrhaftig recht geredet!
Er ist nur "einer," und ist kein anderer außer ihm;
33 und ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt
und seinen Nächsten lieben wie sich selbst,
das ist mehr als alle Brandopfer und Schlachtopfer.

34 Als Jesus aber sah, dass er verständig antwortete, sprach er zu ihm:
Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

  • Wer ist Gott? 
Gott ist der Vater - Jesus Christus, der in der Gottesgestalt, der ist der HERR, der Kyrios.

  • Was macht sein Wesen aus? 

Er ist einer!

      • Wie sollen wir ihn nennen?
      Gott, unser Vater.
      • Was macht er mit uns ...

      ... nicht richten, sondern in die Nachfolge rufen!
      • ... und wir mit ihm?

      ... ihn lieben von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt und meinen Nächsten lieben wie mich selbst.

        Gott als Vater

        Die nachfolgenden Texte werden unter der genannten Fragestellung am 05.06. besprochen. 

        1. Christologie

        Lukas 10,21f - Jesu Jubelruf

        21 Zu der Stunde freute sich Jesus im Heiligen Geist und sprach:
        Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater, so hat es dir wohlgefallen.
        22 Alles ist mir übergeben von meinem Vater.
        Und niemand weiß, wer der Sohn ist, als nur der Vater,
        noch, wer der Vater ist, als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

        • Wie wird von Gott als Vater gesprochen?
        • Welche Bedeutung hat Jesus Christus?

        2. Soteriologie

        Römer 8,14-17.31f - Hoffnung für die Schöpfung und Gewissheit des Heils

        14 Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. 15 Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! 16 Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. 17 Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.

        31 Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein? 32 Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

        • Worin gründet die Gotteskindschaft?
        • Wie äußert sie sich?
        • Was sind ihre Folgen?
        • Welche Bedeutung hat Christus?
        • Wie wird Gott als Vater verstanden?

        3. Ethik

        Matthäus 5,43-45.48 - Von der Feindesliebe

        43 Ihr habt gehört, dass gesagt ist: »Du sollst deinen Nächsten lieben« (3.Mose 19,18) und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen2, 45 damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. ... 48 Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.

        • Wie wird von Gott als Vater hier gesprochen?
        • Was bedeutet seine Vollkommenheit?
        • Was bedeutet Gotteskindschaft hier?

        Samstag, 17. Mai 2014

        Leben in der Diaspora

        “Die universalen Aspekte Gottes werden wichtiger in dem Moment, in der Israel seine Existenz in der Diaspora angenommen hat.” Diesen Satz notierte ich in der Vorlesung von Prof. Hermann Spieckermann am 13.05. Wieder horchte ich auf, weil die Formulierung nahelegt, dass Menschen sich nur weiterentwickeln, wenn sie mit der Katastrophe konfrontiert sind (vgl. die Gedanken im Beitrag “Lernen in der Krise”).

        Im Rückblick auf die vergangene Stunde machte Spieckermann deutlich, dass Israel nicht auf dem Höhepunkt seiner Geschichte, sondern am Tiefpunkt zu der großartigen Erkenntnis gelangte, die im Alten Testament Gottes wunderbares Liebesverhältnis zu seinem Volk Israel, aber auch zu der ganzen Welt prägt. Die politischen und militärischen Katastrophen des Untergangs des Nordreiches Israel 722 v.Chr. und die Eroberung Jerusalems 586 v.Chr. stellten die Israeliten vor die Frage: Wer ist unser Gott? In allen vergleichbaren Situationen einer so verheerenden Niederlage eines Volkes war üblicherweise auch der Gott dieses Volkes dem Untergang geweiht. Die anderen Götter hatten sich als stärker erwiesen.

        Barmherzig und gnädig ist Gott, langmütig und von großer Güte und Treue ...

        Nicht so in Israel: In Bildern, die ein Liebesverhältnis beschreiben, entfaltete Spieckermann das Werben Gottes um sein Volk. “Barmherzig und gnädig ist Gott, langmütig und von großer Güte und Treue.” Dieses Satz aus dem Exodusbuch (34,6ff) und aus dem 103. Psalm (Vers 8) war der zentrale Satz. Es grenzt schon an ein Wunder, dass Israel sich diese Aussage von der Liebe Gottes angesichts der Katastrophen zu eigen machen konnte.

        Yhwh zog vor ihm (Mose) vorüber und rief:
        Yhwh, Yhwh, ein barmherziger und gnädiger Gott,
        langmütig und von großer Güte und Treue,
        der Güte bewahrt den Tausenden,
        der Schuld, Frevel und Sünde vergibt,
        aber gewiss nicht ungestraft lässt,
        der (vielmehr) heimsucht die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln,
        am dritten und am vierten Glied.
        (Ex 34,6f. - Übersetzung von Prof. Spieckermann vorgelegt)

        Faszinierend fand ich die Bedeutung des hebräischen “ʾerek ʾappayim” (langmütig), was Spieckermann mit “langsam zum Zorn” übersetze. Dieses Bild von “langsam zum Zorn” ist es vielleicht auch, das Israel hören ließ: “… der Schuld, Frevel und Sünde vergibt, aber gewiss nicht ungestraft lässt …” Wie eine verletzte Liebe geprägt ist von Zuneigung und Zorn, so auch Gottes Liebe zu seinem Volk Israel. Das war die Erkenntnis, die Israel für sich in den Katastrophen gewinnen und vor allem annehmen konnte.

        Der in Gottesgestalt war, hielt nicht fest wie einen Raub, Gott gleich zu sein ...

        Sein Pendant im Neuen Testament fand dieser Gedanke für mich im Philipperhymnus (Phil 2), den wir für das neutestamentliche Seminar von Prof. Reinhard Feldmeier vorbereitete (15.05.). Dieser frühchristliche Hymnus beschreibt, wie der Sohn Gottes nicht an seiner Gottheit festhält, sondern dass er sich seiner Gottheit entäußert oder auch entleert (griechisch: ἐκένωσεν). Um uns zu retten klammert sich der Sohn Gottes nicht an seine Gottheit, sondern nimmt die Gestalt eines Sklaven an, ist gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Als einen Nebengedanken füge ich ein, dass die Formulierung “... er hielt seine Gottgleichheit nicht wie einen Raub fest …” die Assoziation zulässt, dass es ein Unrecht - gegenüber Gott, gegenüber den Menschen ??? - gewesen sein könnte, wenn er es getan hätte.

        Genau wie Israel erst am Tiefpunkt endgültig zu seinem Gott fand - und bis heute an ihm festhält - , so geschieht das Wunder der Erhöhung (griechisch: ὑπερύψωσεν = übererhöhen, an die allerhöchste Stelle setzen) nach der Katastrophe des Kreuzes. Auch hier wird die Liebe Gottes erst am Tiefpunkt menschlichen Handelns, die den Sohn an Kreuz gebracht hat, deutlich.

        Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst ...

        Im Verlauf der Seminarstunde wurde deutlich, dass Paulus mit dem Christushymnus die christliche Existenz beschreibt. In den Versen Phil 2,1-4 ruft er zu Niedrigkeit und Demut auf, die zum Leben "in Christus" gehören, und zitiert dann den Hymnus, der eben diesen Weg des göttlichen Sohnes in die Demut beschreibt. Dabei macht der Hymnus deutlich, dass "Niedrigkeit und Demut" nichts mit "Demütigung als öffentliche Erniedrigung oder Beschämung, die der Starke dem Schwachen zufügt" (Wikipedia), zu tun hat, sondern dass eine Haltung beschrieben wird, die der Demütige aus freien Stücken erkennt und akzeptiert (ebd.) und in der er Annahme und Erhöhung erfährt.

        Demütiges Leben in der "Diaspora" dieser Welt ...

        Im Beitrag “Lernen in der Krise” hatte ich gefragt: Was bedeutet das für uns heute, wenn wir die Krisen unserer Welt bedenken?

        Die Frage bleibt! Bezugnehmend auf den Titel dieses Beitrages "Leben in der Diaspora" erweitert sich die Frage dahingehend, inwieweit wir Christen, inwieweit sich die christliche Botschaft Gehör verschaffen kann in einer Welt, die die durchaus existentiellen Probleme zwar kennt, die sich aber irgendwie noch durchlavieren kann, ohne dass tiefgreifende Reformen und Änderungen angegangen werden müssen.

        EG 398 In dir ist Freude 

        Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie es an diese Stelle gekommen ist, aber im Lauf der Tage, in denen ich an diesem Beitrag geschrieben habe, habe ich das Lied aus dem Gesangbuch mit der Nummer 398 eingefügt. Es soll dann auch hier den Schluss bilden.

        1. In dir ist Freude in allem Leide, / o du süßer Jesu Christ! / Durch dich wir haben himmlische Gaben, / du der wahre Heiland bist; / hilfest von Schanden, rettest von Banden. / Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, / wird ewig bleiben. Halleluja. / Zu deiner Güte steht unser G'müte, / an dir wir kleben im Tod und Leben; / nichts kann uns scheiden. Halleluja.

        2. Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden / Teufel, Welt, Sünd oder Tod; / du hast's in Händen, kannst alles wenden, / wie nur heißen mag die Not. / Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren / mit hellem Schalle, freuen uns alle / zu dieser Stunde. Halleluja. / Wir jubilieren und triumphieren, / lieben und loben dein Macht dort droben / mit Herz und Munde. Halleluja.

        Dienstag, 13. Mai 2014

        Neuro-Enhancement

        Am Donnerstag, dem 8. Mai 2014, war zur sog. "lecture" eingeladen worden. Frau Dr. Saskia Nagel vom Institute of Cognitive Science University of Osnabrück hielt einen packenden Vortrag zum Thema "Neuro-Enhancement zwischen Wunsch, Wirklichkeit und ethischen Fragen".

        Zunächst die Frage: Was ist Neuro-Enhencement? Vielleicht etwas verkürzt:

        Gehirndoping!

        Eine große Rolle spielt momentan das pharmakologische Neuro-Enhancement. Darunter "versteht man die Einnahme von psychoaktiven Substanzen aller Art mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung" (Wikipedia). Verabreicht werden diese Substanzen bei "gesunden" Menschen, ohne dass eine medizinische Indikation diese Maßnahme notwendig erscheinen lässt. Es geht einzig darum, die Leistung und das (subjektive) Wohlbefinden des Menschen zu fördern. Hier kommt dann der Begriff "Hirndoping" ins Spiel, der oft synonym verwendet wird. Er "bezeichnet die missbräuchliche Einnahme solcher Substanzen, die verschreibungspflichtig oder illegal sind" (Wikipedia, ebd.).

        Neben dem pharmakologische Neuro-Enhancement wird zumindest diskutiert, ob Eingriffe wie bei der "Tiefen Hirnstimulation" (engl. DBS Deep Brain Stimulation) nicht auch möglich sind, wo einem Menschen Sonden implantiert werden. Bei kranken Menschen werden "nicht nur Krankheitssymptome wie Zittern (Tremor), Steifigkeit (Rigor) und Bewegungsarmut (Bradykinese) gebessert, sondern nachweislich auch in ganzheitlicher Hinsicht die Lebensqualität" (Wikipedia).

        Frau Nagel berichtete, dass Forscher daneben auch an sich experimentierten und das Gehirn mit Ultraschall bestrahlten. Sie berichteten von einem allgemein gefühlten Wohlbefinden.

        Anwendungsgebiet ADHS oder ADS

        Solange eine gesicherte medizinische Indikation vorliegt, dass die verschriebenen Medikamente betroffenen leidenden Menschen helfen, haben pharmakologische Mittel sicherlich ihre Berechtigung. Zu denken muss aber geben, dass beispielsweise in den USA in den letzten Jahren bis zu 10% der Kinder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) oder ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder -störung) haben sollen. Oftmals wird dann die Behandlung mit Medikamenten (Ritalin) empfohlen. Neuerdings werden ADHS und ADS zunehmend bei Erwachsenen diagnostiziert, was den Absatz und den Konsum der Mittel weiter fördert.

        Pflicht zur Einnahme?

        Frau Nagel berichtete auch, dass diskutiert wird, ob man die Einnahme von pharmakologischen Mitteln zur Leistungssteigerung in manchen Bereichen nicht vorschreiben sollte. Hier wurde das Beispiel eines Piloten genannt, der Verantwortung für viele Menschen trägt. Oder ein Chirurg, der kurz vor Ende seines Dienstes noch einen Notfall versorgen muss, wo am Gehirn operiert werden muss.

        Der Mensch als reine Verfügungsmasse

        Gerade das letzte Beispiel zeigt, dass die Wahrnehmung von Verantwortung hier pervertiert wird. Es ist doch wohl der Arbeitgeber, der die Arbeitszeiten seiner Mitarbeiter so gestalten muss, dass sie verantwortungsvoll ihre Arbeit ausüben können. Wenn einer diese Verantwortung nicht mehr übernehmen kann, muss ein anderer ihm zu Seite gestellt werden. Ansonsten werden wir Menschen zur reinen Verfügungsmasse.

        Militär

        Intensiv diskutiert wird nach Aussage von Frau Nagel der Einsatz von pharmakologische Neuro-Enhancement offensichtlich beim amerikanischen Militär. Im militärischen Bereich hat der Einsatz aber auch schon eine lange Geschichte. "Unter den Spitznamen Panzerschokolade, Stuka-Tabletten und Hermann-Göring-Pillen diente" im Zweiten Weltkrieg bei den Deutschen das Mittel Pervitin "zur Dämpfung des Angstgefühls sowie zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit bei Soldaten, Fahrzeugführern und Piloten" (Wikipedia).

        Self-Tracking

        Während der Bahnfahrt zu den Konfirmationen in Meppen steiß ich dann auf das Thema Self-Tracking. Im Spiegel vom 17.04.2014 kann man dazu lesen: "Dank smarter Technik und permanenter Datenlese lässt sich heute das ganze Leben optimieren. Das fasziniert viele Manager. Doch bringt mehr Kontrolle auch bessere Ergebnisse?" Bezeichnend ist die Überschrift: "Blöd, dass der Körper keinen USB-Anschluss hat". - Self-Tracking, Neuro-Enhancement und was es sonst noch gibt, offensichtlich ist der Mensch nicht mit dem zufrieden, was er bisher erreicht hat.

        Fragen

        Wollen, müssen wir unser Leben ständig "optimieren"? Sei es mit Neuro-Enhancement oder mit Self-Tracking oder was uns sonst noch vorgesetzt wird? Ohne zu zögern übernehmen wir Denkweisen, die auf Maschinen angewandt werden könnten. Aber müssen wir Menschen uns immer mehr für die Wirtschaft oder die Forschung anpassen, müssen wir noch immer funktionsfähiger werden? Muss es immer ein "Mehr" an Wachstum geben? Können wir, ja müssen wir nicht irgendwann - und das nicht in allzu ferner Zukunft - mit dem zufrieden sein, was wir erreicht haben? Müssen wir vielleicht auch mal zurückschrauben, weil wir z.Zt. deutlich über unserer Verhältnisse leben. Die Erde kann nicht mehr reproduzieren, was wir verbrauchen! (Global Footprint Network)

        Dienstag, 6. Mai 2014

        Lernen in der Krise ...

        Vor zwei verschiedenen Seiten bin ich zu diesen Fragen gestoßen: einmal von der Religionspädagogik und dann vom Alten Testament her.

        Im religionspädagogischen Seminar von Prof. Schröder "Konfirmandenarbeit als gemeindepädagogisches Handlungsfeld" wurde die Entwicklung der Jugendlichen im Konfirmandenalter nach dem Stufenmodell von James W. Fowler. Ein Gedanke im Seminar war, dass eine Entwicklung innerhalb dieser Stufen nur angestoßen wird, wenn das Gleichgewicht, in dem das "Ich" eines Menschen zu seiner Umwelt steht, einen Bruch erfährt und der Mensch gezwungen ist, seinen bisherigen Standpunkt zu überdenken.

        In der alttestamentlichen Vorlesung von Prof. Spieckermann "Theologie des Alten Testaments" fiel in der zweiten Stunde der Satz, dass Menschen offensichtlich erst in der Krise beginnen, sich und ihre Gedanken weiterzuentwicklen (aus der Erinnerung zitiert). Heute (06.05.) beschrieb Prof. Spieckermann, wie sich die Gottesvorstellungen Israels in der Krise des Untergangs - 722 v.Chr. Ende des Nordreiches Israel - und des Exils - 586 v.Chr. die Niederlage des Südreiches Judas und Deportation nach Babylon - zu dem entwickelte, was wir heute kennen und wie es in dem großartigen Text des "Schma Jisrael" dargelegt ist:

        Höre, Israel, YHWH ist unser Gott, YHWH ist einer!

        Höre, Israel, YHWH ist unser Gott, YHWH ist einer.
        Und du sollst YHWH, deine Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft.
        Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen
        und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden,
        wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
        Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand,
        und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,
        und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore.
        (Dtn 6,4-9 - Übersetzung von Prof. Spieckermann vorgelegt)

        Ohne die Datierungsfrage des Deuteronomiums zu klären wurde in der Vorlesung deutlich, dass dieser gewaltige Text Ergebnis des Nachdenkens in der Krise war und nicht am Anfang stand.

        Was bedeutet das für uns heute, wenn wir die Krisen unserer Welt bedenken:
        - Ukraine
        - im Gefolge: Verhältnis Europa/Amerika vs. Russland
        - fast schon absolute Dominanz von Wirtschaftsfragen (Freihandelsabkommen)
        - wirtschaftliche Entwicklung in Südeuropa
        - Flüchtlingsströme aus Afrika und anderen Teilen der Welt
        - Umweltprobleme
        - etc.

        Micha 6,8: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott."

        Hören wir es? Sehen wir es? Wann kommt die Einsicht?

        Mein Studiensemester

        Seit dem 22. April habe ich für ein Vierteljahr die Möglichkeit, an der Georg-August-Universität Göttingen wieder Theologie zu studieren. Das ist eine wunderbare Chance, den Beruf des Pastoren noch einmal neu zu reflektieren. Ich möchte hier einige Gedankensplitter aus den Vorlesungen festhalten.

        Theologicum im Februar bei der Einführungsveranstaltung
        Gänseliesel auf dem Markt