Dienstag, 13. Mai 2014

Neuro-Enhancement

Am Donnerstag, dem 8. Mai 2014, war zur sog. "lecture" eingeladen worden. Frau Dr. Saskia Nagel vom Institute of Cognitive Science University of Osnabrück hielt einen packenden Vortrag zum Thema "Neuro-Enhancement zwischen Wunsch, Wirklichkeit und ethischen Fragen".

Zunächst die Frage: Was ist Neuro-Enhencement? Vielleicht etwas verkürzt:

Gehirndoping!

Eine große Rolle spielt momentan das pharmakologische Neuro-Enhancement. Darunter "versteht man die Einnahme von psychoaktiven Substanzen aller Art mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung" (Wikipedia). Verabreicht werden diese Substanzen bei "gesunden" Menschen, ohne dass eine medizinische Indikation diese Maßnahme notwendig erscheinen lässt. Es geht einzig darum, die Leistung und das (subjektive) Wohlbefinden des Menschen zu fördern. Hier kommt dann der Begriff "Hirndoping" ins Spiel, der oft synonym verwendet wird. Er "bezeichnet die missbräuchliche Einnahme solcher Substanzen, die verschreibungspflichtig oder illegal sind" (Wikipedia, ebd.).

Neben dem pharmakologische Neuro-Enhancement wird zumindest diskutiert, ob Eingriffe wie bei der "Tiefen Hirnstimulation" (engl. DBS Deep Brain Stimulation) nicht auch möglich sind, wo einem Menschen Sonden implantiert werden. Bei kranken Menschen werden "nicht nur Krankheitssymptome wie Zittern (Tremor), Steifigkeit (Rigor) und Bewegungsarmut (Bradykinese) gebessert, sondern nachweislich auch in ganzheitlicher Hinsicht die Lebensqualität" (Wikipedia).

Frau Nagel berichtete, dass Forscher daneben auch an sich experimentierten und das Gehirn mit Ultraschall bestrahlten. Sie berichteten von einem allgemein gefühlten Wohlbefinden.

Anwendungsgebiet ADHS oder ADS

Solange eine gesicherte medizinische Indikation vorliegt, dass die verschriebenen Medikamente betroffenen leidenden Menschen helfen, haben pharmakologische Mittel sicherlich ihre Berechtigung. Zu denken muss aber geben, dass beispielsweise in den USA in den letzten Jahren bis zu 10% der Kinder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) oder ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder -störung) haben sollen. Oftmals wird dann die Behandlung mit Medikamenten (Ritalin) empfohlen. Neuerdings werden ADHS und ADS zunehmend bei Erwachsenen diagnostiziert, was den Absatz und den Konsum der Mittel weiter fördert.

Pflicht zur Einnahme?

Frau Nagel berichtete auch, dass diskutiert wird, ob man die Einnahme von pharmakologischen Mitteln zur Leistungssteigerung in manchen Bereichen nicht vorschreiben sollte. Hier wurde das Beispiel eines Piloten genannt, der Verantwortung für viele Menschen trägt. Oder ein Chirurg, der kurz vor Ende seines Dienstes noch einen Notfall versorgen muss, wo am Gehirn operiert werden muss.

Der Mensch als reine Verfügungsmasse

Gerade das letzte Beispiel zeigt, dass die Wahrnehmung von Verantwortung hier pervertiert wird. Es ist doch wohl der Arbeitgeber, der die Arbeitszeiten seiner Mitarbeiter so gestalten muss, dass sie verantwortungsvoll ihre Arbeit ausüben können. Wenn einer diese Verantwortung nicht mehr übernehmen kann, muss ein anderer ihm zu Seite gestellt werden. Ansonsten werden wir Menschen zur reinen Verfügungsmasse.

Militär

Intensiv diskutiert wird nach Aussage von Frau Nagel der Einsatz von pharmakologische Neuro-Enhancement offensichtlich beim amerikanischen Militär. Im militärischen Bereich hat der Einsatz aber auch schon eine lange Geschichte. "Unter den Spitznamen Panzerschokolade, Stuka-Tabletten und Hermann-Göring-Pillen diente" im Zweiten Weltkrieg bei den Deutschen das Mittel Pervitin "zur Dämpfung des Angstgefühls sowie zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit bei Soldaten, Fahrzeugführern und Piloten" (Wikipedia).

Self-Tracking

Während der Bahnfahrt zu den Konfirmationen in Meppen steiß ich dann auf das Thema Self-Tracking. Im Spiegel vom 17.04.2014 kann man dazu lesen: "Dank smarter Technik und permanenter Datenlese lässt sich heute das ganze Leben optimieren. Das fasziniert viele Manager. Doch bringt mehr Kontrolle auch bessere Ergebnisse?" Bezeichnend ist die Überschrift: "Blöd, dass der Körper keinen USB-Anschluss hat". - Self-Tracking, Neuro-Enhancement und was es sonst noch gibt, offensichtlich ist der Mensch nicht mit dem zufrieden, was er bisher erreicht hat.

Fragen

Wollen, müssen wir unser Leben ständig "optimieren"? Sei es mit Neuro-Enhancement oder mit Self-Tracking oder was uns sonst noch vorgesetzt wird? Ohne zu zögern übernehmen wir Denkweisen, die auf Maschinen angewandt werden könnten. Aber müssen wir Menschen uns immer mehr für die Wirtschaft oder die Forschung anpassen, müssen wir noch immer funktionsfähiger werden? Muss es immer ein "Mehr" an Wachstum geben? Können wir, ja müssen wir nicht irgendwann - und das nicht in allzu ferner Zukunft - mit dem zufrieden sein, was wir erreicht haben? Müssen wir vielleicht auch mal zurückschrauben, weil wir z.Zt. deutlich über unserer Verhältnisse leben. Die Erde kann nicht mehr reproduzieren, was wir verbrauchen! (Global Footprint Network)

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