Im Rückblick auf die vergangene Stunde machte Spieckermann deutlich, dass Israel nicht auf dem Höhepunkt seiner Geschichte, sondern am Tiefpunkt zu der großartigen Erkenntnis gelangte, die im Alten Testament Gottes wunderbares Liebesverhältnis zu seinem Volk Israel, aber auch zu der ganzen Welt prägt. Die politischen und militärischen Katastrophen des Untergangs des Nordreiches Israel 722 v.Chr. und die Eroberung Jerusalems 586 v.Chr. stellten die Israeliten vor die Frage: Wer ist unser Gott? In allen vergleichbaren Situationen einer so verheerenden Niederlage eines Volkes war üblicherweise auch der Gott dieses Volkes dem Untergang geweiht. Die anderen Götter hatten sich als stärker erwiesen.
Barmherzig und gnädig ist Gott, langmütig und von großer Güte und Treue ...
Nicht so in Israel: In Bildern, die ein Liebesverhältnis beschreiben, entfaltete Spieckermann das Werben Gottes um sein Volk. “Barmherzig und gnädig ist Gott, langmütig und von großer Güte und Treue.” Dieses Satz aus dem Exodusbuch (34,6ff) und aus dem 103. Psalm (Vers 8) war der zentrale Satz. Es grenzt schon an ein Wunder, dass Israel sich diese Aussage von der Liebe Gottes angesichts der Katastrophen zu eigen machen konnte.Yhwh zog vor ihm (Mose) vorüber und rief:
Yhwh, Yhwh, ein barmherziger und gnädiger Gott,
langmütig und von großer Güte und Treue,
der Güte bewahrt den Tausenden,
der Schuld, Frevel und Sünde vergibt,
aber gewiss nicht ungestraft lässt,
der (vielmehr) heimsucht die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln,
am dritten und am vierten Glied.
(Ex 34,6f. - Übersetzung von Prof. Spieckermann vorgelegt)
Faszinierend fand ich die Bedeutung des hebräischen “ʾerek ʾappayim” (langmütig), was Spieckermann mit “langsam zum Zorn” übersetze. Dieses Bild von “langsam zum Zorn” ist es vielleicht auch, das Israel hören ließ: “… der Schuld, Frevel und Sünde vergibt, aber gewiss nicht ungestraft lässt …” Wie eine verletzte Liebe geprägt ist von Zuneigung und Zorn, so auch Gottes Liebe zu seinem Volk Israel. Das war die Erkenntnis, die Israel für sich in den Katastrophen gewinnen und vor allem annehmen konnte.
Der in Gottesgestalt war, hielt nicht fest wie einen Raub, Gott gleich zu sein ...
Sein Pendant im Neuen Testament fand dieser Gedanke für mich im Philipperhymnus (Phil 2), den wir für das neutestamentliche Seminar von Prof. Reinhard Feldmeier vorbereitete (15.05.). Dieser frühchristliche Hymnus beschreibt, wie der Sohn Gottes nicht an seiner Gottheit festhält, sondern dass er sich seiner Gottheit entäußert oder auch entleert (griechisch: ἐκένωσεν). Um uns zu retten klammert sich der Sohn Gottes nicht an seine Gottheit, sondern nimmt die Gestalt eines Sklaven an, ist gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Als einen Nebengedanken füge ich ein, dass die Formulierung “... er hielt seine Gottgleichheit nicht wie einen Raub fest …” die Assoziation zulässt, dass es ein Unrecht - gegenüber Gott, gegenüber den Menschen ??? - gewesen sein könnte, wenn er es getan hätte.Genau wie Israel erst am Tiefpunkt endgültig zu seinem Gott fand - und bis heute an ihm festhält - , so geschieht das Wunder der Erhöhung (griechisch: ὑπερύψωσεν = übererhöhen, an die allerhöchste Stelle setzen) nach der Katastrophe des Kreuzes. Auch hier wird die Liebe Gottes erst am Tiefpunkt menschlichen Handelns, die den Sohn an Kreuz gebracht hat, deutlich.
Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst ...
Im Verlauf der Seminarstunde wurde deutlich, dass Paulus mit dem Christushymnus die christliche Existenz beschreibt. In den Versen Phil 2,1-4 ruft er zu Niedrigkeit und Demut auf, die zum Leben "in Christus" gehören, und zitiert dann den Hymnus, der eben diesen Weg des göttlichen Sohnes in die Demut beschreibt. Dabei macht der Hymnus deutlich, dass "Niedrigkeit und Demut" nichts mit "Demütigung als öffentliche Erniedrigung oder Beschämung, die der Starke dem Schwachen zufügt" (Wikipedia), zu tun hat, sondern dass eine Haltung beschrieben wird, die der Demütige aus freien Stücken erkennt und akzeptiert (ebd.) und in der er Annahme und Erhöhung erfährt.Demütiges Leben in der "Diaspora" dieser Welt ...
Im Beitrag “Lernen in der Krise” hatte ich gefragt: Was bedeutet das für uns heute, wenn wir die Krisen unserer Welt bedenken?Die Frage bleibt! Bezugnehmend auf den Titel dieses Beitrages "Leben in der Diaspora" erweitert sich die Frage dahingehend, inwieweit wir Christen, inwieweit sich die christliche Botschaft Gehör verschaffen kann in einer Welt, die die durchaus existentiellen Probleme zwar kennt, die sich aber irgendwie noch durchlavieren kann, ohne dass tiefgreifende Reformen und Änderungen angegangen werden müssen.
EG 398 In dir ist Freude
Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie es an diese Stelle gekommen ist, aber im Lauf der Tage, in denen ich an diesem Beitrag geschrieben habe, habe ich das Lied aus dem Gesangbuch mit der Nummer 398 eingefügt. Es soll dann auch hier den Schluss bilden.1. In dir ist Freude in allem Leide, / o du süßer Jesu Christ! / Durch dich wir haben himmlische Gaben, / du der wahre Heiland bist; / hilfest von Schanden, rettest von Banden. / Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, / wird ewig bleiben. Halleluja. / Zu deiner Güte steht unser G'müte, / an dir wir kleben im Tod und Leben; / nichts kann uns scheiden. Halleluja.
2. Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden / Teufel, Welt, Sünd oder Tod; / du hast's in Händen, kannst alles wenden, / wie nur heißen mag die Not. / Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren / mit hellem Schalle, freuen uns alle / zu dieser Stunde. Halleluja. / Wir jubilieren und triumphieren, / lieben und loben dein Macht dort droben / mit Herz und Munde. Halleluja.

