Samstag, 17. Mai 2014

Leben in der Diaspora

“Die universalen Aspekte Gottes werden wichtiger in dem Moment, in der Israel seine Existenz in der Diaspora angenommen hat.” Diesen Satz notierte ich in der Vorlesung von Prof. Hermann Spieckermann am 13.05. Wieder horchte ich auf, weil die Formulierung nahelegt, dass Menschen sich nur weiterentwickeln, wenn sie mit der Katastrophe konfrontiert sind (vgl. die Gedanken im Beitrag “Lernen in der Krise”).

Im Rückblick auf die vergangene Stunde machte Spieckermann deutlich, dass Israel nicht auf dem Höhepunkt seiner Geschichte, sondern am Tiefpunkt zu der großartigen Erkenntnis gelangte, die im Alten Testament Gottes wunderbares Liebesverhältnis zu seinem Volk Israel, aber auch zu der ganzen Welt prägt. Die politischen und militärischen Katastrophen des Untergangs des Nordreiches Israel 722 v.Chr. und die Eroberung Jerusalems 586 v.Chr. stellten die Israeliten vor die Frage: Wer ist unser Gott? In allen vergleichbaren Situationen einer so verheerenden Niederlage eines Volkes war üblicherweise auch der Gott dieses Volkes dem Untergang geweiht. Die anderen Götter hatten sich als stärker erwiesen.

Barmherzig und gnädig ist Gott, langmütig und von großer Güte und Treue ...

Nicht so in Israel: In Bildern, die ein Liebesverhältnis beschreiben, entfaltete Spieckermann das Werben Gottes um sein Volk. “Barmherzig und gnädig ist Gott, langmütig und von großer Güte und Treue.” Dieses Satz aus dem Exodusbuch (34,6ff) und aus dem 103. Psalm (Vers 8) war der zentrale Satz. Es grenzt schon an ein Wunder, dass Israel sich diese Aussage von der Liebe Gottes angesichts der Katastrophen zu eigen machen konnte.

Yhwh zog vor ihm (Mose) vorüber und rief:
Yhwh, Yhwh, ein barmherziger und gnädiger Gott,
langmütig und von großer Güte und Treue,
der Güte bewahrt den Tausenden,
der Schuld, Frevel und Sünde vergibt,
aber gewiss nicht ungestraft lässt,
der (vielmehr) heimsucht die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln,
am dritten und am vierten Glied.
(Ex 34,6f. - Übersetzung von Prof. Spieckermann vorgelegt)

Faszinierend fand ich die Bedeutung des hebräischen “ʾerek ʾappayim” (langmütig), was Spieckermann mit “langsam zum Zorn” übersetze. Dieses Bild von “langsam zum Zorn” ist es vielleicht auch, das Israel hören ließ: “… der Schuld, Frevel und Sünde vergibt, aber gewiss nicht ungestraft lässt …” Wie eine verletzte Liebe geprägt ist von Zuneigung und Zorn, so auch Gottes Liebe zu seinem Volk Israel. Das war die Erkenntnis, die Israel für sich in den Katastrophen gewinnen und vor allem annehmen konnte.

Der in Gottesgestalt war, hielt nicht fest wie einen Raub, Gott gleich zu sein ...

Sein Pendant im Neuen Testament fand dieser Gedanke für mich im Philipperhymnus (Phil 2), den wir für das neutestamentliche Seminar von Prof. Reinhard Feldmeier vorbereitete (15.05.). Dieser frühchristliche Hymnus beschreibt, wie der Sohn Gottes nicht an seiner Gottheit festhält, sondern dass er sich seiner Gottheit entäußert oder auch entleert (griechisch: ἐκένωσεν). Um uns zu retten klammert sich der Sohn Gottes nicht an seine Gottheit, sondern nimmt die Gestalt eines Sklaven an, ist gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Als einen Nebengedanken füge ich ein, dass die Formulierung “... er hielt seine Gottgleichheit nicht wie einen Raub fest …” die Assoziation zulässt, dass es ein Unrecht - gegenüber Gott, gegenüber den Menschen ??? - gewesen sein könnte, wenn er es getan hätte.

Genau wie Israel erst am Tiefpunkt endgültig zu seinem Gott fand - und bis heute an ihm festhält - , so geschieht das Wunder der Erhöhung (griechisch: ὑπερύψωσεν = übererhöhen, an die allerhöchste Stelle setzen) nach der Katastrophe des Kreuzes. Auch hier wird die Liebe Gottes erst am Tiefpunkt menschlichen Handelns, die den Sohn an Kreuz gebracht hat, deutlich.

Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst ...

Im Verlauf der Seminarstunde wurde deutlich, dass Paulus mit dem Christushymnus die christliche Existenz beschreibt. In den Versen Phil 2,1-4 ruft er zu Niedrigkeit und Demut auf, die zum Leben "in Christus" gehören, und zitiert dann den Hymnus, der eben diesen Weg des göttlichen Sohnes in die Demut beschreibt. Dabei macht der Hymnus deutlich, dass "Niedrigkeit und Demut" nichts mit "Demütigung als öffentliche Erniedrigung oder Beschämung, die der Starke dem Schwachen zufügt" (Wikipedia), zu tun hat, sondern dass eine Haltung beschrieben wird, die der Demütige aus freien Stücken erkennt und akzeptiert (ebd.) und in der er Annahme und Erhöhung erfährt.

Demütiges Leben in der "Diaspora" dieser Welt ...

Im Beitrag “Lernen in der Krise” hatte ich gefragt: Was bedeutet das für uns heute, wenn wir die Krisen unserer Welt bedenken?

Die Frage bleibt! Bezugnehmend auf den Titel dieses Beitrages "Leben in der Diaspora" erweitert sich die Frage dahingehend, inwieweit wir Christen, inwieweit sich die christliche Botschaft Gehör verschaffen kann in einer Welt, die die durchaus existentiellen Probleme zwar kennt, die sich aber irgendwie noch durchlavieren kann, ohne dass tiefgreifende Reformen und Änderungen angegangen werden müssen.

EG 398 In dir ist Freude 

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wie es an diese Stelle gekommen ist, aber im Lauf der Tage, in denen ich an diesem Beitrag geschrieben habe, habe ich das Lied aus dem Gesangbuch mit der Nummer 398 eingefügt. Es soll dann auch hier den Schluss bilden.

1. In dir ist Freude in allem Leide, / o du süßer Jesu Christ! / Durch dich wir haben himmlische Gaben, / du der wahre Heiland bist; / hilfest von Schanden, rettest von Banden. / Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, / wird ewig bleiben. Halleluja. / Zu deiner Güte steht unser G'müte, / an dir wir kleben im Tod und Leben; / nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2. Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden / Teufel, Welt, Sünd oder Tod; / du hast's in Händen, kannst alles wenden, / wie nur heißen mag die Not. / Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren / mit hellem Schalle, freuen uns alle / zu dieser Stunde. Halleluja. / Wir jubilieren und triumphieren, / lieben und loben dein Macht dort droben / mit Herz und Munde. Halleluja.

Dienstag, 13. Mai 2014

Neuro-Enhancement

Am Donnerstag, dem 8. Mai 2014, war zur sog. "lecture" eingeladen worden. Frau Dr. Saskia Nagel vom Institute of Cognitive Science University of Osnabrück hielt einen packenden Vortrag zum Thema "Neuro-Enhancement zwischen Wunsch, Wirklichkeit und ethischen Fragen".

Zunächst die Frage: Was ist Neuro-Enhencement? Vielleicht etwas verkürzt:

Gehirndoping!

Eine große Rolle spielt momentan das pharmakologische Neuro-Enhancement. Darunter "versteht man die Einnahme von psychoaktiven Substanzen aller Art mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung" (Wikipedia). Verabreicht werden diese Substanzen bei "gesunden" Menschen, ohne dass eine medizinische Indikation diese Maßnahme notwendig erscheinen lässt. Es geht einzig darum, die Leistung und das (subjektive) Wohlbefinden des Menschen zu fördern. Hier kommt dann der Begriff "Hirndoping" ins Spiel, der oft synonym verwendet wird. Er "bezeichnet die missbräuchliche Einnahme solcher Substanzen, die verschreibungspflichtig oder illegal sind" (Wikipedia, ebd.).

Neben dem pharmakologische Neuro-Enhancement wird zumindest diskutiert, ob Eingriffe wie bei der "Tiefen Hirnstimulation" (engl. DBS Deep Brain Stimulation) nicht auch möglich sind, wo einem Menschen Sonden implantiert werden. Bei kranken Menschen werden "nicht nur Krankheitssymptome wie Zittern (Tremor), Steifigkeit (Rigor) und Bewegungsarmut (Bradykinese) gebessert, sondern nachweislich auch in ganzheitlicher Hinsicht die Lebensqualität" (Wikipedia).

Frau Nagel berichtete, dass Forscher daneben auch an sich experimentierten und das Gehirn mit Ultraschall bestrahlten. Sie berichteten von einem allgemein gefühlten Wohlbefinden.

Anwendungsgebiet ADHS oder ADS

Solange eine gesicherte medizinische Indikation vorliegt, dass die verschriebenen Medikamente betroffenen leidenden Menschen helfen, haben pharmakologische Mittel sicherlich ihre Berechtigung. Zu denken muss aber geben, dass beispielsweise in den USA in den letzten Jahren bis zu 10% der Kinder ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) oder ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder -störung) haben sollen. Oftmals wird dann die Behandlung mit Medikamenten (Ritalin) empfohlen. Neuerdings werden ADHS und ADS zunehmend bei Erwachsenen diagnostiziert, was den Absatz und den Konsum der Mittel weiter fördert.

Pflicht zur Einnahme?

Frau Nagel berichtete auch, dass diskutiert wird, ob man die Einnahme von pharmakologischen Mitteln zur Leistungssteigerung in manchen Bereichen nicht vorschreiben sollte. Hier wurde das Beispiel eines Piloten genannt, der Verantwortung für viele Menschen trägt. Oder ein Chirurg, der kurz vor Ende seines Dienstes noch einen Notfall versorgen muss, wo am Gehirn operiert werden muss.

Der Mensch als reine Verfügungsmasse

Gerade das letzte Beispiel zeigt, dass die Wahrnehmung von Verantwortung hier pervertiert wird. Es ist doch wohl der Arbeitgeber, der die Arbeitszeiten seiner Mitarbeiter so gestalten muss, dass sie verantwortungsvoll ihre Arbeit ausüben können. Wenn einer diese Verantwortung nicht mehr übernehmen kann, muss ein anderer ihm zu Seite gestellt werden. Ansonsten werden wir Menschen zur reinen Verfügungsmasse.

Militär

Intensiv diskutiert wird nach Aussage von Frau Nagel der Einsatz von pharmakologische Neuro-Enhancement offensichtlich beim amerikanischen Militär. Im militärischen Bereich hat der Einsatz aber auch schon eine lange Geschichte. "Unter den Spitznamen Panzerschokolade, Stuka-Tabletten und Hermann-Göring-Pillen diente" im Zweiten Weltkrieg bei den Deutschen das Mittel Pervitin "zur Dämpfung des Angstgefühls sowie zur Steigerung der Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit bei Soldaten, Fahrzeugführern und Piloten" (Wikipedia).

Self-Tracking

Während der Bahnfahrt zu den Konfirmationen in Meppen steiß ich dann auf das Thema Self-Tracking. Im Spiegel vom 17.04.2014 kann man dazu lesen: "Dank smarter Technik und permanenter Datenlese lässt sich heute das ganze Leben optimieren. Das fasziniert viele Manager. Doch bringt mehr Kontrolle auch bessere Ergebnisse?" Bezeichnend ist die Überschrift: "Blöd, dass der Körper keinen USB-Anschluss hat". - Self-Tracking, Neuro-Enhancement und was es sonst noch gibt, offensichtlich ist der Mensch nicht mit dem zufrieden, was er bisher erreicht hat.

Fragen

Wollen, müssen wir unser Leben ständig "optimieren"? Sei es mit Neuro-Enhancement oder mit Self-Tracking oder was uns sonst noch vorgesetzt wird? Ohne zu zögern übernehmen wir Denkweisen, die auf Maschinen angewandt werden könnten. Aber müssen wir Menschen uns immer mehr für die Wirtschaft oder die Forschung anpassen, müssen wir noch immer funktionsfähiger werden? Muss es immer ein "Mehr" an Wachstum geben? Können wir, ja müssen wir nicht irgendwann - und das nicht in allzu ferner Zukunft - mit dem zufrieden sein, was wir erreicht haben? Müssen wir vielleicht auch mal zurückschrauben, weil wir z.Zt. deutlich über unserer Verhältnisse leben. Die Erde kann nicht mehr reproduzieren, was wir verbrauchen! (Global Footprint Network)

Dienstag, 6. Mai 2014

Lernen in der Krise ...

Vor zwei verschiedenen Seiten bin ich zu diesen Fragen gestoßen: einmal von der Religionspädagogik und dann vom Alten Testament her.

Im religionspädagogischen Seminar von Prof. Schröder "Konfirmandenarbeit als gemeindepädagogisches Handlungsfeld" wurde die Entwicklung der Jugendlichen im Konfirmandenalter nach dem Stufenmodell von James W. Fowler. Ein Gedanke im Seminar war, dass eine Entwicklung innerhalb dieser Stufen nur angestoßen wird, wenn das Gleichgewicht, in dem das "Ich" eines Menschen zu seiner Umwelt steht, einen Bruch erfährt und der Mensch gezwungen ist, seinen bisherigen Standpunkt zu überdenken.

In der alttestamentlichen Vorlesung von Prof. Spieckermann "Theologie des Alten Testaments" fiel in der zweiten Stunde der Satz, dass Menschen offensichtlich erst in der Krise beginnen, sich und ihre Gedanken weiterzuentwicklen (aus der Erinnerung zitiert). Heute (06.05.) beschrieb Prof. Spieckermann, wie sich die Gottesvorstellungen Israels in der Krise des Untergangs - 722 v.Chr. Ende des Nordreiches Israel - und des Exils - 586 v.Chr. die Niederlage des Südreiches Judas und Deportation nach Babylon - zu dem entwickelte, was wir heute kennen und wie es in dem großartigen Text des "Schma Jisrael" dargelegt ist:

Höre, Israel, YHWH ist unser Gott, YHWH ist einer!

Höre, Israel, YHWH ist unser Gott, YHWH ist einer.
Und du sollst YHWH, deine Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller Kraft.
Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen
und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden,
wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst.
Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand,
und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein,
und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an deine Tore.
(Dtn 6,4-9 - Übersetzung von Prof. Spieckermann vorgelegt)

Ohne die Datierungsfrage des Deuteronomiums zu klären wurde in der Vorlesung deutlich, dass dieser gewaltige Text Ergebnis des Nachdenkens in der Krise war und nicht am Anfang stand.

Was bedeutet das für uns heute, wenn wir die Krisen unserer Welt bedenken:
- Ukraine
- im Gefolge: Verhältnis Europa/Amerika vs. Russland
- fast schon absolute Dominanz von Wirtschaftsfragen (Freihandelsabkommen)
- wirtschaftliche Entwicklung in Südeuropa
- Flüchtlingsströme aus Afrika und anderen Teilen der Welt
- Umweltprobleme
- etc.

Micha 6,8: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott."

Hören wir es? Sehen wir es? Wann kommt die Einsicht?

Mein Studiensemester

Seit dem 22. April habe ich für ein Vierteljahr die Möglichkeit, an der Georg-August-Universität Göttingen wieder Theologie zu studieren. Das ist eine wunderbare Chance, den Beruf des Pastoren noch einmal neu zu reflektieren. Ich möchte hier einige Gedankensplitter aus den Vorlesungen festhalten.

Theologicum im Februar bei der Einführungsveranstaltung
Gänseliesel auf dem Markt